Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mischpoche
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 225 (sequence 24)
- Language
- German
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— 225 — Vater auf die Märkte begleitete und von ihm in seine Geschäftspraktiken eingeweiht wurde, träumte ich von Händel und Verkehr auf großer Basis, wie ich sie aus Büchern und vorn Hörensagen.kannte- und die ganze trostlose Armseligkeit des Hausierens, Schacherns und, daß ich es nur gestehe, Uebervorteilens maß ich an dem ersten Großhandelsherrn, den ich kennen lernte, an . ,. . Nathan dem Weisen." — Ein Lächeln, in dem Bescheidenheit und Selbstgefühl sich mischten, umspielte seine Lippen. „Du findest das vielleicht komisch, sonderbar? Eine Ueberhebung erscheint es Dir . . ." „Durchaus nicht", fiel Dr. Seligsohn ein, „durchaus nicht. Ich glaube die Großzügigkeit, die kluge Weltweisheit, die ruhige Ueberlegung und Sachlichkeit, die mich an Dir so oft mit Bewunderung und frommer Freude erfüllt, haben von solchem Wertmesser bestimmt, sich in Dir entwickelt und was Dich in Deiner Jugend mit Staunen, und Bewunderung erfüllte, hat Deinem Leben späterhin seine Prägung gegeben." „Du findest für alles immer die feinste Auslegung ..." erwiderte er liebenswürdig, „ein echter Talmud ChocheM ... aber erkenne daraus auch, wie groß diese Armseligkeit mir erscheinen mußte. Die graue Wirklichkeit des kleinlichen, eingeengten Judenlebens jener Zeit, neben den neuen bunten, phantastischen Träumen, die in den Schätzen des Orients ihre Wurzel hatten . . ." „Orient,. . . Heimatsland!" sprach der andere wie aus fiesem Sinnen leise vor sich hin. Wieder schwiegen beide und ihre Blicke tauchten in das Meer, das unergründlich in geheimnisvoller Unendlichkeit sich vor ihnen ausbreitete. Wohin zogen ihre Gedanken? Ueber ferne Ozeane fort zur Wiege unseres Volkes, das sich neue Heimstätten erbaut überall ... Heimstätten, die gesegnet wurden durch die Kultur, die sie mit sich geführt, in ihren Ueberlieferungen, wie die Habseligkeiten in ihren Bündeln. Sorgfältig gehütet und bewahrt. Ein ideeller Besitz, der ihnen ihr geistiges Leben aufbauen half und erhalten, wie der andere ihre materielle Existenz. 15