Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mischpoche
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 23)
- Language
- German
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224 rühren. Die überragende Persönlichkeit Samuel Löwenbergs hatte es bisher immer noch vermocht, Zwistigkeiten und Zwiespältigkeiten innerhalb der Familie zu beschränken und größere Verwicklungen zu verhüten. Wenn Dr. Seligsohn, der eine Rabbinatsstellung in einer großen Gemeinde Ostpreußens vertrat, zu gelegentlichen Besuchen nach Berlin kam, wenn er mit dem Kommerzienrat und dessen Angehörigen auf sommerlichen Erholungsreisen sich traf, so erfreute er sich immer des schönen, glücklichen, harmonischen Lebens in diesem Kreise. Er bemerkte ja wohl, daß die Uebereinstimmung der beiden Familien keine so intime war, wie die inneren und äußerlichen Zusammenhänge es hätten erwarten lassen. Aber da man ihm nichts sagte, fragte er auch nicht. Nun sollte er zum ersten Male etwas näheres erfahren und er sah den Mittellungen Lamuels mit einer Spannung entgegen, die fern jeder banalen Neugier, der aufrichtigen Freundschaft und Anteilnahme entsprang, die er für den von ihm verehrten, geliebten Mann hegte. „Ich muß etwas weit zurückgreifen", begann dieser nach kurzer Sammlung. „Mit den ersten Anfängen unseres Geschäfts muß ich Dich bekannt machen. Sie waren denkbar ungünstig. Mir selbst unbegreiflich heut, wo für die gedeihliche Entwicklung aller kaufmännischen Unternehmungen und Großbetriebe nur ein Merkwort gilt: Korrektheit. In meiner Jugend war das anders. Der Ehrgeiz, das Streben aller jungen Leute, die dem Hausierhandel und der Kleinkrämerei chrer Väter sich entwachsen fühlten, kannte nur ein Ziel: Sich etablieren. Wie und womit war eine zweite Frage, die man leider mit weniger Aufmerksamkeit und Wichtigkeit behandelte, als Not tat. Begreiflich ist es. Die Kunde von großen geschäftlichen Erfolgen bei Juden inden bedeutenden Zentren des Handels kam in die Provinz, in die kleinen Gemeinden und jeder glaubte in sich einen künftigen Rothschild, Heine oder Bleichröder zu entdecken. Nur versuchen muß man es. Mir ging es nicht besser als vielen andern. Ein unsagbarer Drang hinaus zu kommen aus der Engnis des väterlichen Hauses beseelte mich . . . wenn ich den