Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mischpoche
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 219 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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219 „Es gehört viel Nachsicht zu Frau Marie Löwenberg. Mali geb. Bendel ..." „Aber Samuel ..." „Das nennt man nun Mischpoche!" Sie lächelte, dann schlang sie die Arme um seinen Hals und flüsterte, sich an sein Ohr neigend, noch einmal so leise, daß es nur wie ein Hauch war: „Aber Samuel!" * * * In aufgeregtem Gespräch gingen der Rabbiner Dr. Moritz Seligsohn und der Kommerzienrat Löwenberg den Promenadenweg entlang, der von Heringsdorf nach dem langen Berge führte. Vergebens versuchte der jüngere der beiden den älteren zu beschwichtigen. „Glaube mir, lieber Samuel, niemand kann Deine Entrüstung tiefer nachfühlen als ich, und wie sehr schmerzlich gerade ich diesen Abfall empfinde, brauche ich Dir nicht zu sagen, aber Du darfst Dich nicht so aufregen, daß Deine Gesundheit darunter leidet, ich habe Deiner Frau versprochen, ruhig die Sache zu überlegen." . . . „Ruhig, ruhig! Bist Du denn ruhig diesem Skandal gegenüber?" ... „Innerlich gewiß nicht; mein ganzes Empfinden ist aufgewühlt und wie eine Schmach scheint es mir, was Julius getan . . . und warum . . . warum." . . . „Warum?" rief der Kommerzienrat heftig, „Weibereitelkeit, Niedrigkeit der Gesinnung, alberner Dünkel, närrische Protzenhaftigkeit ... er hat's nötig! Mein unglücklicher, lächerlicher Bruder! Schwachkopf!" Sie waren zu einer einsamen Bank unter einer Föhre gelangt, die spärliche Schattenstreifen darüber zog. „Wollen wir uns hier ein wenig niederlasfen?" fragte Dr. Seligsohn, der mit besorgtem Blick das Antlitz seines Begleiters streifte, „es wird Dir gut tun, auszuruhen und Dich etwas zu sammeln. Deine Aufregung wird sich legen." Ohne ein Wort zu sagen, setzte sich der Kommerzienrat und sein Auge flog über das spiegelglatt daliegende