Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mischpoche
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 220 (sequence 19)
- Language
- German
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220 Meer zum fernen Horizont. Leichte Dunstwölkchen, aus Lenen hie und da Sonnenpfeile emporblitzten, lagerten davor, Himmel und Wasser zu einem unendlichen Weitblick vereinend. Auch Dr. Seligsohn war nachdenklich und schweigsam. Es schien, als ob die tiefe Stille, die sie umgab, die wundersame Ruhe des Bildes, das vor ihnen sich ausbreitete, auch auf ihre Nerven besänftigend wirkte. Weit hinaus wanderten ihre Blicke, weit zurück wanderten ihre Gedanken. Zurück zur Jugend, zur Heimat! Beide waren in Erinnerungen versunken, die zu der selben Persönlichkeit führte, zu Hirsch Seligsohn! Ohne daß sie ein Wort sprachen, ohne daß sie sich darüber verständigt hatten, verfolgten sie den gleichen Jdeengang. Erst nach längerer Pause fing der Kommerzienrat wieder an: „Wie recht hatte Dein seliger Vater, als er damals mit aller ihm zu Gebote stehenden Beredsamkeit gegen die Heirat meines unglücklichen Bruders mit Abraham Bendels Tochter sich wendete . . . wie recht hatte er, dreimal recht" . . . seine Stimme bebte in verhaltenem Schmerz, aber er war doch viel ruhiger, und die Gelassenheit und Würde, die er gewöhnlich zeigte, schienen wiederzukehren. „Und doch wurde diese Ehe geschlossen!" antwortete Dr. Seligsohn. „Nimms nicht als Vorwurf. Wir haben in all den Jahren nicht davon gesprochen und Du weißt, wie ich zu Dir stehe, was ich von Dir halte" ... „Lange schon hatte ich den Wunsch mich mit Dir einmal darüber auszusprechen, aber eine Scheu hielt mich davon zurück, die Du begreiflich finden wirst, wenn ich Dir sage, daß ich es war, der diese Heirat befürwortete, mehr als das, erzwang" .... „Du?" Höchstes Erstaunen war in seinem Ausruf. „Ja, ich! Ich" . . . Ein Zug schweren Leides lag auf seinem Anlitz. Er schien, wie in sich zusammengesunken und der sonst so stattliche, kraftvolle Mann war wie gebrochen. „Samuel!" Mit zarter Bewegung ergriff er seine Hand, drückte sie warmherzig und sagte: „Wenn Du es