Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mischpoche
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 211 (sequence 10)
- Language
- German
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211 „Das hält zusammen, diese heiligen Erinnerungen, ohne uns von den andern zu isolieren, vor Allem, ohne uns unsern Kindern zu entfremden. Und je freier und größer sich unser Leben auch gestaltet, je weniger wir dem zeitgemäßen Entwicklungsgang uns entgegensetzen, desto mehr werden sie achten, was uns teuer und heilig ist, auch wenn sie es nicht mehr verstehen. Wie etwas Seltsames, Geheimnisvolles, Romantisches wird ihnen diese versunkene Welt scheinen, die im Herzen ihrer Eltern lebendig ist . . ." Sie hatte sich erhoben und stand dicht vor ihm. Mit leuchtendem Blick sah sie zu ihm empor. „O, Du! Wer dich so hörte! Wie hast Du den geistigen Strömungen der Zeit Dich anvertraut, wie hast Du Dein Denken erweitert, wie alle Bildungselemente auf Dich einwirken lassen . . . nicht ein fremdgewordener -6ift Du der Jugend, die in unsern Kindern uns herrlich umblüht, neben chnen stehst Du und verstehst sie, über ihnen stehst Du und erhebst sie . . ." Er zog sie an sich und ihr Kops ruhte an seiner Schulter. „Wer hat mich den Weg finden gelehrt? Wer hat meinem Blick das Schöne erschlossen? Wer meinem Geist Vertiefung gegeben?" Und mit einer Inbrunst, wie sie wohl in früheren Tagen in den geweihten Stunden frommer l^tase betende Juden überkam. preßte er sie an sich und rief in pathetischem Ton: „Du meine . . . Du meine gebenschte Sorel ..." In diesem Augenblicke klopfte es an die Tür. Sofort hatte er seine Haltung wiedergefunden. Die Haltung eines wahrhaft vornehmen und überlegenen Mannes. Auch Frau Sofie wußte die Erregung des Augenblickes rasch zu bekämpfen. Und als der Diener jetzt meldete „Herr und Frau Julius Löwenberg lassen fragen, ob sie Herrn und Frau Kommerzienrat nicht stören", da hätte kein Mensch ahnen können, daß es Samuel und Sorel Löwenberg waren, die ihre Gäste soeben mit vollendeter Vornehmheit und liebenswürdiger Weltgewandheit begrüßir««. 14*