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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1907-01-01 · 10 (1907) · p. Seite 209

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
10 (1907)
Article
Mischpoche
Date
1907-01-01
Page
Seite 209 (sequence 8)
Language
German
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209 der neben ihr am Boden kauerte, den Kopf an ihr Knie gelehnt, zu sich empor und ihre Tränen überfluteten sein Gesicht. Es war das erste Mal seit jener Schreckensstunde, wo chr Mann tot vor chren Augen zusammenbrach, daß sie weinte. Und jetzt fingen auch die andern, die um der Mutter stummen Schmerz sich bezwungen hatten, laut zn schluchzen an. Erlösende Tränen befreiten die in Schmerz erstarrten Gemüter. Und die Leute kamen und gingen und sprachen Trostesworte, und sie hielten die Schiwe mit zerrifienem Gewand und ohne Schuhe und auf der Erde saßen sie — aber eine Würde lag über ihrer Trauer und etwas Hoheitsvolles war in ihrer Demut. So war Hirsch Seligsohns Familie. „Mischpoche ist Mischpoche"! hatte er einmal gesagt. Ist es zum Segen, ist es zum Unheil? Ruhen die starken Wurzeln unserer Kraft in der Familie? * Im Bildersaal einer der vornehmen Villen der Tiergartenstraße saßen Herr Kommerzienrat Samuel Löwenberg und seine Gattin Sofie in vertraulichem Gespräch. Die Hochzeit ihres zweitältesten Sohnes Arthur stand bevor und am Vormittag hatte ihr ältester Sohn Max ihnen die Geburt seines zweiten,Kindes angezeigt. Der Schimmer hohen Glücksgefühls gab dem Antlitz Frau Sofies etwas jugendliches und niemand hätte ihr angesehen, daß sie bereits Großmutter sei und das fünfzigste Lebensjahr überschritten hatte. „Wie frisch und lieb Du heute wieder aussiehst", sagte der Gatte, „Großmutter zweier Enkelkinder, unberufen", und nun küßte er chre Hand und ein Ausdruck innigster Freude zog über sein ernstes, güttges Anüitz. „Wer könnte anders als froh und zufrieden aussehen, wer in Deiner Güte und Sorgfalt sich sonnt?" gab sie herzlich zurück „und Frohsinn und Zufriedenheit erhalten jung und frisch ..." 14

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