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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1907-01-01 · 10 (1907) · p. Seite 208

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
10 (1907)
Article
Mischpoche
Date
1907-01-01
Page
Seite 208 (sequence 7)
Language
German
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208 ungen und Sorgen und darum schien sie auch so heilig und rührend. Auch die Mutter war nur vom Gefühl der Trennung beherrscht und so saßen diese Menschen beieinander, das Bild einer Familie von innigster Zusammengehörigkeit; in tiefstem Leid vereint, denn das Haupt dieser Familie fehlte! Wie dunkle Schatten lagerte es um die trauernden Menschen, die auf ihren kleinen Schemeln hockten, mit zerrissenem Gewand und ohne Schuhe, den Trauergebräuchen in jüdischen Häusern der damaligen Zeit. Eine „Kriee" hatte man chnen geschnitten, die Füße waren entblößt, und die Häupter waren gesenkt, wie mit Asche bestreut ... die graue Asche erloschener Lebensfreude. Die Freunde und Nachbarn brachten ihnen Wein und Kuchen und sonstige Speisen und Getränke. Das Mitleid war groß; die Gesetzesvorschriften, die Trauernden zu trösten, wurden eifrig befolgt, aber draußen auf der Gasse munkelte und tuschelte man über den Sturz des Hauses Seligsohn. Demütig, willenlos, fast apathisch ließen die Unglücklichen alles über sich ergehen. Nur hin und wieder flog ein irrer Blick der armen Frau hinüber zu dem Licht, das zu des Toten Gedenken nun brennen sollte sieben Tage und sieben Nächte. Und sie stierte in die Flamme als wollte sie fragen: Ist es wirklich wahr? Ist mir wirklich so geschehen? Und dann blickte sie wieder auf ihre Kinder, die auf der Erde saßen mit zerrissenem Gewand und ohne Schuhe. Dort war die Antwort auf ihre Frage. Sie lächelte müde wie geistesabwesend, strich über Benjamins dunkellockiges Haar und dachte: „Daß euer Gewand zerriffen ist, sehen sie alle, die zu uns kommen, niemand aber sieht die zerrissene Seele in meinem Leibe. Und niemand soll sie sehen. Hirsch Seligsohns Weib trauert um ihn nicht mit äußeren Abzeichen, acht Tage lang! „Ewig währet meine Trauer, aber stumm ist mein Leid und sein Tod gibt mir Leben, und sein Sterben gibt mir Kraft, und sein Scheiden gibt mir Hoffnung. Leben wird er mir in seinen Kindern". Als hätte dieser Gedankengang sie aufgerüttelt aus tiefer Schmerzversunkenheit, zog sie Benjamin,

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