Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mischpoche
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 6)
- Language
- German
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207 futtben hatte, ein einziges Wort darüber zu sagen, wie es werden solle ohne ihn. Zu rasch war der Tod an ihn herangetreten. Der stets rüstige, energische Mann hatte gewiß nicht ans Sterben gedacht und vor allem gehofft, seine Kinder noch versorgen zu können. Und nun war er abberufen auf der Mittagshöhe des Lebens, und er. der so vielen geholfen, mußte die Seinen hilflos zurücklassen. Der jüngstgeborene Sohn Benjamin war 10 Jahre alt, als der Vater starb, der älteste Moritz vierundzwanzig. Mit ihnen vereinten Lazar der zweitälteste und die Schwestern, Friederike, verehelichte Namslau und die 15 jährige Pauline sich um die tiefgebeugte Mutter. Diese hatte keine Ahnung von den zerrütteten Vermögensverhältnissen ihres Mannes. Niemals hatte er sie Sorgen oder gar Entbehrungen ausgesetzt. Sie waltete als Hausfrau eines freundlichen, ansehnlichen Hauswesens, nicht in Ueberfluß oder Ueppigkeit, aber doch im Behagen eines wenn auch bescheidenen Wohlstandes. Die Kinder wurden gut gehalten und gut erzogen. Friederike war reichlich ausgestattet und mit einigen tausend Talern Mitgift versehen, seit drei Jahren an den Rauchwarenhändler Namslau in Leipzig verheiratet, einem tüchtigen jungen Mann, dessen wenn auch noch kleines Geschäft zu den besten Erwartungen berechtigte; Moritz studierte auf dem Rabbinerseminar in Breslau, und die drei anderen waren noch im Elternhause. Lazar, der in der benachbarten Kreisstadt das Gymnasium besuchte, kam allerdings nur an Sonn- und Feiertagen nach Hause, wo Pauline, ganz der Mutter gleichend, zu einem liebreizenden Mädchen erblühte, und Benjamin, ein seltsam nachdenkliches Kind, ein Liebling von Eltern und Geschwistern, ein verträumtes Knabenleben führte. Die Trauerbotschaft hatte alle herbeigerufen und wie von lähmendem Schrecken befallen, standen sie an der Bahre des Vaters. Sie wußten nicht, was ihnen geschehen . . Der Vater tot, dieser Vater! Die ganze Tragweite öeS schweren Schicksalsschlages vermochten sie nicht zu ermeffeu.x^u ihre Trauer mischten sich keinerlei Befürcht-