Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mischpoche
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 5)
- Language
- German
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200 hatte er gesagt, „wenn er auf seine Kinder vergeht und es gehört sich, erst für sich zu sorgen und dann noch ä mal für sich und dann wieder für sich, eh man bei andern sich wichtig tut und die eignen Kinder der Mischpoche zur Last fallen läßt". Abraham Bendel hatte allerdings stets nach diesem Grundsatz gehandelt, davon wußten die Bauern und Kleinhändler, die betrübt seinen Laden betraten, um ihn mit verblüffter Befriedigung zu verlassen, ebenso ein Lied zu singen, wie die Gutsbesitzer, die bei ihm vorfuhren, scheinbar um einige Ellen Tuch einzukaufen, in Wirklichkeit aber, uni seine „Gefälligkeit" in Anspruch zu nehmen, die sie beim Wegfahren ihm mit den freundlichen Worten „verfluchter Jud" dankten. Der wackre Bendel wußte, daß Seligfohn energisch gegen die Verbindung protestiert hatte, und nur ganz zwingenden Gründen, die die Gebrüder Löwenberg in geheimer Unterredung ihm auseinandergesetzt, sich fügte. Aber in der Gemeinde ging es von Mund zu Mund, daß er diese Kränkung nicht überwunden habe und daß sein plötzlicher Tod mit dem Herzleid zusammenhing, das seinen stolzen Sinn in seinen tiefsten Tiefen getroffen. Niemand vermochte die dunkeln Zusammenhänge aufzuklären. Hirsch Seligsohn war tot. Seine Witwe und seine Kinder saßen gramgebeugt auf der Erde und hielten die „Schiwe" um chn, mit einer ehrfurchtgebietenden, rührenden Trauer. Seine Frau Tinchen, die Tochter Rabbi Elkans aus Gnesen, hatte in echtem Weibessinn wohl empfunden, daß ihr das Schicksal einen Auserkorenen zum Gatten bestimmt. In stolzer Demut lebte sie an seiner Seite. Und so ganz mit chm verbunden in Leid und Freud, so völlig aufgegangen in seines Wesens Art, war sie nur wie ein Teil seiner selbst, wie eine Ausstrahlung seines Geistes. Als man ihn von ihr trug, hinaus zur ewigen Ruhe, schien sie wie erschlagen unter der Wucht dieses Unglücks. „Hirsch sagt" oder „mein Mann meint" oder „der Vater wünscht . . ." in diesem Kreislauf bewegten sich ihre Gedanken, auf diesen Pfeilern ruhte chre Welt. Jetzt war sie zertrümmert ohne daß „Hirsch" noch Zeit ge-