Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mischpoche
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 205 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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205 Das unerwartete Hinscheiden des trefflichen Mannes ritz eine ungeheure Lücke in den Familienkreis. Es war, als wankte ein festgefügter Bau, plötzlich seiner kräftigsten Stütze beraubt. So lange er unter chnen weilte, war man sich seiner ragenden Persönlichkeit gar nicht bewußt geworden. Er gehörte eben zur Mischpoche, er war einer der ihren, das heißt, er war nicht mehr als sie alle. Brauchte man Rat oder Hilfe, dann war Hirsch Seligsohn immer zu finden und als ganz selbstverständlich nahm man dies hin. Daß besondere Vorzüge, eine starke Natur, eine vornehme Seele und ein weiter Blick, dazu gehörten, das, was man etwa heut zu Tage eine Individualität nennt, das fiel niemanden ein, das ahnte niemand in dieser engen Welt. Er ging, wie sie, durch die Gassen des Städtchens, er stand in „Schul" neben ihnen, er aß, wie sie alle, am Freitag Abend Barches und Fisch und Mazzoth am Passah. Er fastete mit chnen am Jom Kippur und jubilierte mit ihnen am Purim, er war wie sie in allen Lebensäußerungen, in allen Glaubensgebräuchen . . . Daß man daneben auch noch Anderes, Höheres, Besseres sein konnte, darauf kam niemand. . . Einen Witzbold allenfalls ließ man gelten, aber ein Starker, Großer, Einsamer ... ein Mensch für sich allein und doch bereit für alle, das erkannten sie nicht. So hatte er unter chnen gelebt in schlichter Größe, in heimlicher, ihm selbst wohl nie zum Bewußtsein gelangter Eigenart, und so war er gestorben. Und er, der so vielen geholfen, der niemals kargte und niemals zauderte, wo es galt aufzurichten, aufzubauen, hinterließ seine nächsten Angehörigen in dürftigen Verhältnissen. Niemand hätte das geglaubt. Hirsch Seligsohn, der aufrechte Mann, der „bekowete Balbos", der edle „Bal-zdokeh"! Als diese Tatsache bekannt wurde, bemächtigte sich der Khille die größte Aufregung und in der Mischpoche waren einige geneigt, es zu mißbilligen, daß er so schlecht für die Seinen gesorgt habe. Besonders von Abraham Bendel, dem Schwiegervater seines Neffen Israel Löwenberg, wurde erzählt, daß er sich sehr unangemessen darüber geäußert habe. „Es könnt ä jeder ä feiner Mann sein,"