Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mischpoche
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 204 (sequence 3)
- Language
- German
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204 Samuels Frau entstammte einer sehr angesehenen Familie aus Posen, und Sofie Rosenzweig war schon „erzogen". Das heißt: sie hatte deutschen und französischen Unterricht genossen und war mit den Bildungsmitteln der damaligen Zeit ausgerüstet. Israels Frau allerdings mußte durch größeren Reichtum ersetzen, was ihr an vornehmer Abstammung und guter Erziehung abging. Dafür hatte aber ihr Vater Abraham Bendel bestens gesorgt. Und wenn man auch leise flüsterte, daß er sein Vermögen auf nicht einwandfreie Weise erworben und ebenso beim Ankauf ganz auffallend billiger Ware ein oder auch beide Augen zugedrückt und mit seinem Pfunde tüchtig gewuchert hätte, so war doch nichts bestimmtes nachweisbar. Sein Vermögen wuchs, ohne daß der Staatsanwalt dagegen Einspruch erhoben hätte. Und was dem Herrn Staatsanwalt recht war, konnte seinen Zeitgenossen gewiß billig sein. Er war auch klug genug, seine Tochter Mali so reich auszustatten und ihr eine so große Mitgift zu geben, daß er sich bis zu den Gebrüder Löwenberg mit seinen Ansprüchen versteigen durfte, die mütterlicherseits zur Linie Seligsohn gehörten und durch die Heirat Samuels sogar zu den Rosenzweigs. Mali Bendel und Sofie Rosenzweig gehörten also zur selben Mischpoche. Die Dynastie Löwenberg-Rosenzweig- Bendel war damit gegründet; und als jemand zu Hirsch Seligsohn darüber eine boshafte Bemerkung wagte, zog er seine Stirne in tiefe Falten, machte ein sehr nachdenkliches Gesicht und sprach dann mit dem wehmütigen Lächeln überlegener Weisheit die lapidaren Worte: „Mischpoche is Mischpoche!" Was er mit dieser ewigen Wahrheit in dem speziellen Falle sagen wollte, ob verletzter Stolz, Verbitterung, Resignation oder Spott darin lag, wurde nicht mehr festgestellt, denn schon wenige Monate nach der mit größtem Prunk gefeierten Hochzeit von Mali und Israel erlag er einem Herzschlage. Die ganze Gemeinde stand an seinem Grabe. Und in die Klagen um Hirsch Seligsohn stimmten auch Sofie Rosenzweig und Mali Bendel ein und vermischten ihre Tränen mit denen der gesamten Mischpoche.