Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mose Haim Luzzatto
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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183 über Gott und die Welt zu äußern, gleichviel ob diese Ansichten richtig oder unrichtig waren, aber andererseits sah man im Judentum ein Chaos entstehen, als ob alle Bande, die bis dahin das jüdische Volk zusammengehalten hatten, sich lösen wollten. Dazu schien es auch, daß die Sittlichkeit unter den Juden, auf die unser Volk mit Recht stolz war, untergraben würde. Ein geistiger Anarchismus bemächtigte sich der Juden; man muß somit auch den Männern gerecht werden, die dessen weiterem Umsichgreifen verhindern wollten. Es läßt sich nicht leugnen, daß in diesem Kampfe oft große Härte, Gewissenszwang und noch größeres Unrecht verübt wurden. Aber im allgemeinen war es doch ein ehrlich gemeinter Kampf, und man kann nur jene unglücklichen Menschen bedauern, die in einer Zeit geboren wurden, wo man nicht jeden ruhig gewähren lassen konnte, nwchten seine Ansichten noch so befremdend wirken. Zu diesen bedauernswerten Zeitgenossen gehörte auch unser Dichter Mose Haim Luzzatto. Mordechai Jaffe hatte den bereits erwähnten Brief JekutiAs, der auf uns den Eindruck abgeschmacktester Faseleien macht, vervielfältigen und an mehrere Rabbiner Deutschlands verschicken lassen. Unter anderen bekanr auch der bekannte Mose Chages in Altona eine Abschrift dieses wunderlichen Schreibens. Mose Chages, der aus Palästina stammte, war zwar kein bedeutender Denker, aber er verstand doch mehr von der Kabbala als die deutschen Rabbiner der damaligen Zeit. Ihm konnte man mit den hochtrabenden kabbalistischen Phrasen nichts weißmachen, denn er wußte recht gut, wohin dies alles hinaus wollte. Etwa 25 Jahre früher hatte er mit dem abgefeimten Abenteurer Chajon, der seiner Zeit die große Gemeinde Amsterdam in Hader und Zwistigkeit gebracht, einen heftigen Kampf geführt, indem er sich dem Chacham Zewi, dem Rabbiner der deutschen Gemeinde zu Amsterdam, anschloß und Chajon entlarven half. Seitdem wohnte Chages^ der infolge der Amsterdamer Streitigkeiten die Hauptstadt Hollands hatte verlassen müssen, in Altona. Obwohl er kein Amt bekleidete, genoß er doch in Altona selbst und in anderen Gemeinden