Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mose Haim Luzzatto
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 174 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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174 der Sprache, in der Vertrautheit mit ihren poetischen Formen, steht er diesen großen Dichtern nicht nach. Aber er hat gegen sie den großen Vorzug, daß er modern, daß er europäisch ist. Seine Sprachbilder sind uns vertrauter, weil sie nicht dem arabischen Schrifttum und der arabischen Anschauungsweise entnommen sind. In seiner Dichtung herrscht nicht nur Rhythmus, sondern auch innere Symmetrie. In der Benutzung des hebräischen Sprachguts zeigt er eine erfreuliche Neuerung. Luzzatto ist der erste hebräische Dichter, der es verschmähte, biblische Phrasen anzuwenden; er bediente sich nicht der im Umlauf sich be? findlichen Sprachmünzen, die durch den vielen Gebrauch bereits abgenutzt sind, sondern erprägte sich neue Goldmünzen, die auf ein Haar genau feine Gedanken und Empfindungen bewerten und besümmen. Seine Verse find formvollendet, fein und zart, ohne Künstelei, ohne die Absicht, zu glänzen, ohne die Anwendung von Wortspielen und Pikanterien, ohne das leidige Spielen mit biblischen Redewendungen, wie wir es auch bei den besten hebräischen Dichtern gewöhnt sind. Wenn man diese Schöpfungen Luzzattos liest, kann man sich von einem beklemmenden Gefühl nicht losmachen. Denn man sagt sich: was wäre nicht alles aus diesem reichbegabten Dichter geworden, wenn er in einer glücklicheren Zeit geboren wäre, wenn das jüdische Volk damals nicht Luft und Licht entbehrt hätte! Das Tragischste aber im Leben Luzzattos ist, daß nicht etwa die persönlichen Schicksale des Dichters seine freie Entwicklung gehemmt haben; denn seine Geburt und seine Jugend fallen in eine glückliche Zeit für sein Elternhaus. Er litt nur infolge der verworrenen und zerfahrenen Zustände unter den Juden. Mose Hann Luzzatto hätte höchstwahrscheinlich ein glückliches Leben geführt, wenn er nicht in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts ein großer hebräischer Dichter gewesen wäre, und er wäre ein großer und glücklicher Dichter geblieben, wenn das jüdische Volk damals nicht in geistiger Verkümmerung gelebt hätte. Sein größtes Unglück war, daß er etwa drei Jahrzehnte nach dem Erlöschen der Sabbatai-Zewi-Bewegung geboren wurde, und daß nod)