Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 73)
- Language
- German
- Belongs to
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170 tiefe Wahrheit, was Nathan der Weise als das Kennzeichen des echten Ringes offenbart hat. Aber zur Menschenliebe tritt immer deutlicher auch die Liebe zur Wissenschaft, zur Menschenvernunft, als ein untrügliches Sympton echter Religiosität hirrzu. Die Bibelkritik der protestantischen Theologie ist das beste Gegengift gegen den Judenhaß. Der Prophetismus ist als Universalismus nunmehr erkannt. Und die soziale Predigt der Propheten ist als ein sittliches Urelement der Religion fest gegründet. Der Messianismus wird sich bei ihnen der christologischen Umdeutung für die individuelle Erlösung auch noch entäußern lernen. Auf Seiten des modernen Judentums werden die sittlichen Kulturtendenzen immer deutlicher und immer vorwiegender zur Ausprägung gebracht, so weit dies durch die Veranstaltungen der jüdischen Gemeinden, dealen der Staat keine in Betracht kommende Unterstützung widmet, geschweige Anerkennung ihrer Wissenschaft an den Universitäten — billigerweise gefördert werden kann. Es ist ein tiefer Schaden, daß das Judentum in seinen religiösen Körperschaften und in seinen rabbinischen Vertretungen die soziale Frage nicht als sein prophetisches (Äbgut aufpflanzen kann, während Katholizismus und Protestantismus von diesem „praktischen Christentum" eine beträchtliche Empfehlung genießen. Aber theoretisch, wie praktisch, lebt der prophetische Sozialismus in den messianischen Ideen und den festlichen Einrichtungen der Synagoge, wie in der Weltmacht ihrer Armenpflege und ihrer Notwehr gegen die internationalen Vergehungen und Verbrechen an ihren Glaubensgenossen. Wir haben uns nicht über die Linie der theoretischen Erörterungen hinauszubewegen. Weder Programme zu versuchen, noch sonst praktische Ratschläge zu erteilen. Der ruhige geschichtliche Blick wird immer an zwei Punkten sich fest und sicher orientieren. Erstlich ist das Jndentum von einer historischen Ursprünglichkeit, in welcher es alle Kulturreligionen übertrifft. Eine solche Urkraft kann nicht als er-