Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 169 (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
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169 die prinzipielle Ueberlegung handelt. Diese hat sich vorzugsweise an den Staat und seine Organe zu halten. Es ist daher die größte Entehrung der Staatsidee, welche durch diese Verlockung begangen wird. Me Simonie war eine unverhüllte Entehrung des Amtes. Der Glaubenswechsel dagegen, als Bedingung zum Amte, versetzt die Wurzel der Amtsehre in Fäulnis. Denn diese liegt auch in der Tugend der Pietät, die dem Staate, wie der angestammten Religion, im Herzen jedes harmonisch gereiften Kulturmenschen gegründet ist. Wenn daher der patriotische Mitbewerb an den Staatsämtern in offenkundigem Cynismus an den Glaubenswechsel gebunden wird, so ist es eine dreifache Verfälschung einer sittlichen Pflicht, der man sich schuldig macht: man entehrt die Religion, das Vaterlandsgefühl und den Staat. Eine elementare Forderung für das Recht der Religion zur Fortexistenz muß daher vor allem die unnachsichtliche Ausrottung dieses empörenden Notstandes sein. Um es schroff, aber deutlich auszudrücken: wenn diese Verhöhnung der Religion, wie sie bei uns jetzt Politik ist, fortdauern könnte, so würde man denen Recht geben können, welche an der Möglichkeit einer anständigen Religion überhaupt verzweifeln. Und es läge vielleicht nicht bloß Pessimismus in dem Anschluß an diese Parole. Denn es könnte vielleicht aus einer radikalen Abweisung der Kirchenreligionen eine neue ethische Vorstufe der Religion sich herausbilden. Indessen lassen wir uns von Zeitströmungen, auch wenn sie ein Menschenalter und mehr, wie man fürchten muß, verheeren, nicht bestimmen, die prinzipielle Disposition zu verlassen. Wir halten fest an der Zuversicht, daß die. echten geistigen und sittlichen Kräfte der Religionen schon aus der Logik ihrer Tendenz heraus zu innerlicher Versöhnung und zu verbündeter Kulturarbeit streben müssen. Ihre Kämpfe, wenn sie nur wenigstens im Zusammenhang mit den Mitteln der Wissenschaft geführt werden, müssen zur Ausgleichung der dogmatischen Gegensätze hintreiben. Noch immer bleibt es