Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 167 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
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167 Und nun bedenke mcm, welche tiefe Verletzung der intimsten idealischen Tugend darin begangen wird, daß man den Menschen verleitet, diesen Faden der Treue für sein Bewußtsein und sein Gemüt zu zerreißen. Wo und wie soll er noch Einheit für sein Gemüt und selbst sür seinen Geist suchen können, wenn er so von ihrer natürlichen Wurzel sich abgelöst hat? Es ist nicht von ungefähr, daß die konvertierten Juden die schlimmsten Verfechter der protestantischen Orthodoxie und der politischen Reaktion überhaupt wurden. Und kein Geringerer als Ritschl hat an zwei Stellen seines dog- 11101^(^11 Hauptwerkes an dem Beispiel Philippis, des Vorkämpfers der Rostocker protestantischen Orthodoxie, auf diese historische Denkwürdigkeit hingewiesen. Es kann nicht Wunder nehmen, daß in aller subjektiven Aufrichtigkeit solche Verhärtungen sich einstellen müssen, wo man den Grund des einheitlichen Bewußtseins gewaltsam zerstört hat. Und doch sind diese Gefahren, welche mit der Konversion, sei es bei den Konvertierten selbst, sei es bei ihren Nachkommen, schwer vermeidlich verknüpft scheinen, nur noch die geringeren Gefahren in ihrem Gefolge. Unmittelbarer noch und tiefer verheerend für eine wahrhaft vaterländische Politik ist die Verführung zur Konversion durch diese Verquickung der Religion mit dem Staate. Es ist die höchste Form der modernen Sittlichkeit, welche in der Mitwirkung am Staate geleistet wird. Die Souveränität des Staates durchzuführen, auch gegen die sittlichen Mächte der Kirche, ist der tiefste Sinn der neueren Geschichte. Auch die Nationalität wirkt dabei in letzter Instanz nicht als Naturmacht mit, sondern sie wird in den Dienst der Staatsidee gehoben. Der Mensch darf nicht sein höchstes Heil schlechthin in seiner Nationalität, geschweige, wie man heute zu sagen sich erdreistet, in seiner angeblichen Rasse, erkennen, sondern er muß allgemeineren geschichtlichen Motiven sein Herz öffnen, und der Eingliederung in einen modernen Kulturstaat gutwillig sich einfügen. Höher als das Volk steht der Staat. Und nur des Staates wegen kann das Volk eine reine, vom Naturgefühl nicht lediglich ab-