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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1907-01-01 · 10 (1907) · p. Seite 166

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
10 (1907)
Article
Religion und Sittlichkeit
Date
1907-01-01
Page
Seite 166 (sequence 69)
Language
German
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Kulturbewußtseins ihn: zur Last legt. Religion ist ein Nebenweg für den Menschen der Kultur; ein Weg der zufälligen Herkunft für das Individuum. Bestimmend ist für alle Menschen der einheitliche Weg der Kultur, die auf der wissenschaftlichen Kultur beruht. Es ist eine Lüge der Verführung und der Selbstbeschönigung, dast die Kultur christlich sei. Man müßte dann sagen dürfen, daß die Wissenschaft christlich sei. Dann aber wären wir wieder beim Mittelalter angelangt, und das will sagen: wir müßten die Wissenschaft in ihrer methodischen Souveränität abschaffen. Es wäre eilt Zeichen der Unfreiheit und Unaufrichtigkeit, wenn wir hier nicht schwere Klage gegen unser Zeitalter erheben würden, gegen Volk und Regierungen, wegen der die tiefste Empörung herausfordernden Verführung, welche jetzt wiederum an den Juden verübt wird. Wir gründen das Recht für die Fortexistenz der Religion auf die Pietät der Treue. Ihr fällt die zarte, sittliche Aufgabe zu, die Geheimnisse der Religion für die sittlichen Werte auszudeuten. Und wenn wir schon sahen, daß diese Idealisierung dem Materialismus der Geschichtsansicht entgegenarbeitet, so können wir es jetzt auch positiv ausdrücken. Es ist eine Art des Idealismus, welche durch diese Treue für die angestammte Religion gepflegt und vollführt wird. Schon daß dadurch der Blick geweitet und gehoben wird auf die historischen Zusammenhänge der religiösen Gemeinschaft, befreit den Menschen von dem Vorurteil, als ob die Naturmächte der Geschichte allein, unbegreiflich, wie sie in ihrem letzten Grunde sind, über das sittliche Wesen der Menschen und der Völker entschieden. Der historische Zusammenhang einer Religion ist unverkennbar und auf die Dauer unverleugbar als der Zusammenhang von Ideen und nicht lediglich der des Blutes und des Stammes. Wo der Mensch aber hingeleitet wird, die Kontinuität der Ideen zu ahnen und begreifen zu lernen, da erlebt er eine Vorstufe des wissenschaftlichen Idealismus; da vollzieht er eine Vorarbeit desselben.

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