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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1907-01-01 · 10 (1907) · p. Seite 165

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
10 (1907)
Article
Religion und Sittlichkeit
Date
1907-01-01
Page
Seite 165 (sequence 68)
Language
German
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165 kündigen, wenn nicht zugleich die strenge, gewissenhafte, bescheidene Arbeit an dem eigenen Selbst zur Vorbedingung erhoben wird. Und in der messianischen Religion ist dieser Zusammenhang zwischen der Menschheit und dem Individuum die durchwirkendc Grundlage. Ebenso aber sucht auch der Protestantismus in der Rechtfertigung durch den Glauben nicht lediglich in dogmatischer Buchstäblichkeit, sondern für die persönliche Wahrhaftigkeit die religiöse Festigung der persönlichen Sittlichkeit. Jeder Tag, möchte man sagen, macht es offenkundig, welcher Abstand in dieser Art religiösen Begründung und Pflege der Sittlichkeit besteht von derjenigen, welche in allen Gewissensfragen die Kirche und ihre Organe zum unmittelbaren Schiedsrichter macht. Die obige Frage müssen wir daher noch bestimmter im Sinne der Ethik bejahen, insofern wir einen der Wege der Sittlichkeit, als welche wir in unserer Ethik des reinen Willens die Tugenden fassen, für diese Aufgabe auszeichnen. Es ist die Tugend der Treue, welche sich in der Pietät für die angestammte Religion zu betätigen hat. Für die angestammte; eine andere nämlich als die angestammte widerstreitet in vielsacherHinsichr dem Grundbegriffe einer sittlichen Religion. Aus Aberglauben, der im Mythos wurzelt, kann der Mensch einen andern Fetisch anzubeten sich gedrungen fühlen. Ein sittlicher Mensch, ein Kulturmensch bleibt nach dem tiefen Goethe'schen Wort „an dem füllen Orte", an dem er zur Welt gekommen ist. Er ist da zugleich in die sittliche Welt eingeboren worden. Denn echte Kulturnrenschen beherzigen auch den Vordersatz dieses Goethe'schen Spruches: „Frage nicht, durch welche Pforte du in Gottes Stadt gekommen". Daher hat Goethe auch selbst den von ihm verherrlichten Winckelmann wegen seiner Konversion als „mit einem Makel behaftet" genannt. Der tiefere Sinn des allgemeinen Mißtrauens, init dem man in normalen sittlichen Zeiten dem Konvertierten entgegentritt, liegt aber darin, daß man die Verachtung vder die Hintansetzung der wissenschaftlichen Vernunft, die Auflehnung gegen die Souveränität des

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