Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
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162 Unter diesem Gesichtspunkte leuchtet wiederum die Bedeutung des Judentums für die Kultur hervor. Wenn wir nur, um bei der geringeren Schwierigkeit zu bleiben, auf die dogmatischen Kämpfe innerhalb des Protestantismus achten, so sehen wir, daß es dabei um nichts Geringeres sich handelt als um den Wert der Gottesidee selbst. Wenn die Trinität selbst als überwunden gelten dürfte, so bildet das Prärogative Verhältnis zwischen Jesus und „seinem" Gotte Hemmnis genug für eine völlig vom Mythos sich befreiende, rein ethische Bedeutung des Gottesidee, als eine Aufgabe der Menschheit. Wird dagegen der Wert der Gottesidee für die Kämpfe nnd Wirren der Gegenwart wenn auch nur in Frage gestellt, so wächst dadurch das Vorurteil und der Trotz des Materialismus, wie hinsichtlich der Natur, so insbesondere auch hinsichtlich der Geschichtswelt. Gott wird in die Rumpelkammer des Absoluten geworfen; er wird unter dem Titel das Ding an sich abgesetzt. Dafür aber wird die Natur, als Materie, um so unbefangener in das kritisch nicht überwundene Absolute eingesetzt; und daraus wird die verhängnisvolle Konsequenz abgeleitet: daß die Sittlichkeit nur eine Erscheinungsform der materiellen Natur sei. So läßt es sich verstehen, daß der Materialismus der Geschichtsansicht mit der Bestreitung der Gottesidee sich verbindet; und daß er auf den Nimbus, der für alle Ablehnung der Transzendenz besteht, vertrauend, den Schein des Monismus annimmt. Dieser Monismus hat seinen Grund nicht in einer Methodik, in deren Anlage und Durchführung; sondern in der dogmatischen Benennung eines Absoluten. Die Gliederung der systematischen Philosophie wird durch diesen angeblichen Monismns zerbrochen und aufgehoben. So wird die Bestreitung der Gottesidee zu einer Gefahr der wissenschaftlichen Kultur. Und um dieser Gefahr zu steuern, verbleibt der Religion ein faktischer Wert. Aber auch in interner sittlicher Beziehung ist der Religion eine aktuelle Bedeutung zuzuerkennen. Wenn-