Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 161 (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111086-3114155--2693-3114330- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
161 Perioden, welche wie die gegenwärtige, noch vor jener systematischen Vollendung der Kultur liegen. Und diese Frage fordert zunächst die andere heraus: bietet die Religion hier einen Ersatz für die noch nicht zur Reife gekommene Ethik? Es kommt vor allem darauf an, den Sinn dieser Frage scharf zu fassen. Sie kann nicht so gemeint sein, als ob die Religion als das kleinere Uebel zuzulassen wäre, so lange die Ethik noch nicht Gemeingut der Menschenbildung werden kann, um einen Ersatz für diese zu bieten. Das wäre ein Ersatz, der den Ansprüchen und Leistungen der Ethik auch der Tendenz, nach ungleichartig wäre; der etwa wieder dem mythologischen Hange der Menschen Unterstützung böte. Dieser Sinn muß uns fern liegen. Die Frage kann nur so gestellt sein: ob es der Religion mit ihren Mitteln möglich sei, in der Tendenz der Ethik Sittlichkeit zu fördern für die Menschheit und für das Selbstbewußtsein in den Zeiten der Vorbereitung für das Ideal der systematischen Ethik. Diese Frage müssen wir bejahen. Und daß wir sie bejahen können, spricht zugleich für den Einklang unserer systematischen Forderung mit der geschichtlichen Einsicht. Es liegt darin die Anerkennung, daß die geschichtliche Entwicklung zur Sittlichkeit auch in der religiösen Vorstufe einen geraden Weg geht; wie denn die prophetische Religion selbst eine Ursprungsstelle des fundamentalsten Gehalts der Ethik bildet. Die erste Leistung, welche der Erhaltung der Religion verdankt wird, ist die Erhaltung der Gottesidee. Innerhalb der phllosophischen Ethik ist keine hinreichende Bürgschaft bisher dafür gegeben, daß sie die Ausgestaltung der Gottesidee als ihre eigene Aufgabe, anerkennt. Und es sind gerade die rationellsten Bestrebungen der Ethik, welche diese ablehnende Haltung begünstigen. Wenn anders nun aber die Gottesidee für die Realität der Sittlichkeit ein unerläßlicher Bestandteil der Ethik ist, so hat die Religion in der ethischen Vertiefung des Gottesgedankens ihre fortdauernde Bedeutung. 11