Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 160 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111086-3114155--2692-3114329- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
160 anderen Richtung erzeugbar werden; denn die erzeugende Richtung des Kulturbewußtseins ist einheitlich zu denken. Sie entfaltet sich in die Richtung des theoretischen Bewußtseins der Naturerkenntnis, die Richtung des sittlichen Bewußtseins und endlich die ästhetische Richtung. Die sittliche Richtung kann daher nicht in eine religiöse sich abzweigen. Die Sittlichkeit muß Erkenntnis, muß philosopische Methodik bleiben. Wäre die Religion aber Erkenntnis, so müßte dies unter Beeinträchtigung und Abbruch der ethisch - sittlichen, und somit der systematisch-philosophischen Erkenntnis geschehen. -i- Wir machen Halt, und besinnen uns über die schwere Konsequenz, die wir gezogen haben. Was folgt aus unserem Schlüsse für den Fortbestand der Religion? Wir haben gesehen, daß der Weg der Religion, im Unterschiede vom Mythos, vom prophetischen Anfänge an den Weg der Sittlichkeit beschritten hat. Wenn sonach der wahrhafte Ursprung der Religion in der Sittlichkeit liegt, so ist es nicht ihr Ende, sondern ihre Vollendung, wenn sie aus der Verflechtung mit dem Mythos befreit, und in die reine Lehre der Sittlichkeit verwandelt wird. Diese Verwandlung ist das Werk des wissenschaftlichen Geistes der Menschheit. Die reine Sittlichkeit auf der Kulturhöhe des wissenschaftlichen Bewußtseins ist die Sittlichkeit, welche auf der reinen Erkenntnis beruht. Die Sittlichkeit arbeitet mit den Voraussetzungen, Grundlagen und Grundlegungen der Erkenntnis, in Irrungen fortschreitend, nicht minder aber wahrlich auch in genauen, abgemessenen Stufen wachsender, reifender Erkenntnis, kraft des reinen sittlichen Willens. Für das Ideal der Kultur muß es außer Frage bleiben, daß der Religion durch solche Verwandlung nur eine homogene Entwicklung zugemutet wird. Nur diese Frage darf jetzt noch uns entstehen: ob der Religion ein aktueller Wert verbleiben kann und verbleiben muß innerhalb derjenigen Kultur-