Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 157 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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157 anderes Mittel zuverlässig, oder auch nur in Aussicht zu nehmen als die methodische Erkenntnis auf breitester Unterlage der Forschung. Und wiederum gilt dies nicht allein für die auserwählten Kreise der Bildung und der Gelehrsamkeit, so daß die Unmündigen davon nur zu profitieren brauchten; sondern es darf dieser Unterschied zwischen Reife und Unreife des sittlichen Geistes schlechterdings nicht als zu Rechte bestehend geduldet werden, wenn anders Sittlichkeit auf Wahrheit und Wahrhaftigkeit beruht, und nicht etwa nur einen Trost bedeutet an der Grenze, wo die Wahrheit ein Ende hat. Die Aufrichtigkeit und die Absicht, in allen Lagern der Religion für ethische Klärung mitzuwirken, fordern den ausdrücklichen Widerspruch gegen die Art und Weise, in welcher heutzutage die protestantische Bildung in ihrer Religiosität, wie leider auch in ihrer modernen Theologie, das Leben Jesu behandelt. Die Idee Christi, als die des Menschengeschlechts im Ideal, wie von den ersten Zeiten des dogmatischen Christentums ab bei den tiefen Köpfen aller Zeiten die zweite Person der Trinität gedeutet, und in solcher idealisierenden Deutung rationell gemacht wurde, wird durch das Pochen auf dieses Leben und diese angeblich geschichtlichePersönlichkeit in verhängnisvoller Weise verflacht. Denn jetzt wird nicht aus dem Mythos ein Dogma in rationeller Deutung zu Stande gebracht, sondern das Dogma wird in den Schein einer geschichtlichen Persönlichkeit aufgelöst. Die Zumutung des Dogmas wird dadurch abgeschüttelt, aber gegenüber aller historischen und philologischen Kritik, in der man weiter dankenswerte Fortschritte macht, versteift man sich auf das in schillernder Konstruktion schwimmende Bild einer Persönlichkeit, um in dieser den Felsen seines Glaubens zu erfassen. Wir haben hier nicht zu reden von dem historischen Problem, ob eine geschichtliche Erscheinung und sei sie die mächtigste, von einem Urheber ausgehen müsse, oder doch vielleicht aus der Zusammenwirkung geschichtlicher Faktoren ihre tiefere Äcklärung finde. Im Grunde