Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 156 (sequence 59)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111086-3114155--2688-3114325- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 156 - alle Glieder desselben, sondern beinahe nicht weniger dringend über den prophetischen Gedanken, über sein erhabenes Gesicht hinaus. Was Sittlichkeit sei, darf man fürder nicht als erlernbar betrachten auf Grund von wie immer tiefsinnigen und erschütternd tröstlichen Lehren, Vorschriften und Beispielen, sondern die Erkenntnis eines jeglichen Menschen soll befähigt werden zur Begründung und zur Rechenschaft über Recht und Unrecht, über gut und schlecht, ebenso wie über wahr und falsch. Und nur auf Grund der geistigen Befähigung, über wahr und falsch nach wissenschaftlicher Methode entscheiden zu können, soll auch für jedes Menschenkind die Forderung erhoben und anerkannt werden, daß seine Sittlichkeit in seinem Geiste begründet, erzogen und unterwiesen werde. Es darf nicht für alte Folgezeit der Menschheit als natürlicher Weg der Volksbildung, d. i. der Menschenbildung, angesehen und geduldet werden, daß ausschließlich und prärogativisch. aus heiligen Büchern autoritativ die Sittlichkeit zu erlernen sei, und daß demnach jede Angst des Gewissens bis zum letzten Zweifel gehoben sei, wenn man aus ihnen erfahre und belehrt werde, was gut sei und was schlecht. Das Prinzip der Autonomie widerstreitet wahrlich nicht etwa der Pflicht nach literarischer Erweiterung des ethischen Horizontes, wobei die heiligen Bücher als Klassiker gelten; aber die Autonomie verbietet, auf die höchste literarische . Autorität hin die Sittlichkeit annehmbar zu denken. Es ist auch keineswegs richtig, und es ist ein sehr gefährlicher Rattonalismus, anzünehmen, daß das kindliche Gemüt natürlicherweise im Stande wäre, über alle Fragen der Sittlichkeit aus sich selbst heraus zu entscheiden, oder auch nur den Weg zu finden. Für die koniplizierten Fragen der Kultur und ihre Kollissionen bedarf es der Fähigkeit zu genauer, methodischer Untersuchung, wenn schweren Irrungen, die zu allgemeinen Lastern führen, vorgebeugt werden soll. Aber auch zur Verhütung tief eingewurzelter sittlicher Krankheiten ist kein