Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
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Iss Kein Ausspruch ist frivoler, kennzeichnet den Abstand von messianischer Gesinnung höhnischer als das Wort der jetzt herrschenden Halbbildung, daß die Religion für das Volk unentbehrlich sei. Die Bildung sei erhaben darüber. Doch in diesem Dünkel liegt noch nicht die ganze Verkehrtheit dieser Gesinnung; sie liegt in der Anmaßung: daß dem Volke die wissenschaftliche Bildung für alle absehbare Zeit entzogen bleiben müsse und dürfe. In dieser Ansicht liegt die sittliche Kluft, welche zunächst die prophetisch-messianische Sittlichkeit von der landesüblichen Religiosität scheidet. Wir können uns nun zwar nicht auf eine allgemein anerkannte Ethik berufen, um auch von ihr jene falsche Frömmigkeit zu unterscheiden. Indessen, es wißen das heutzutage doch nicht nur die Eingeweihten, daß diese Forderung der klare Sinn des kategorischen Imperativs ist; die schlichte Konsequenz desjenigen ethischen Idealismus, der auf der „Form der allgemeinen Gesetzgebung" beruht. So wird aus der Differenz zweier Arten von Religion die Differenz zwischen Religion in chrer Entartung oder in mangelhafter Entwickelung und systematischer Ethik. Diese Kluft darf nicht nur nicht überbrückt, sie darf auch nicht als durch günstigere Deutung ausgleichbar gedacht werden. Aus dieser Differenz beruht im letzten Grunde aller Verdacht und aller Kampf gegen die positive Religion. Die messianische Gesinnung hat diesen Höhepunkt der prophetischen Religion erreichen lassen; der sittliche Leitbegriff hat diese Befreiung vom Mythos in der Religion der Propheten zur Vollendung gebracht. Immer aber bleibt es bei den Propheten und so innerhalb des Judentums überhaupt beim Horizonte der Sittlichkeit. Die Wissenschaft aber und chre Erkenntnis haben Judentum und Christentum vom Griechentum angenommen. Und der griechische Begriff der Erkenntnis ist zur Pädagogik des Menschengeschlechts der Kultur geworden. Daher steigert sich nicht allein über die Fernsicht Platons hinaus nunmehr die Forderung der Erkenntnis für das gesamte Menschengeschlecht und für