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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1907-01-01 · 10 (1907) · p. Seite 154

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
10 (1907)
Article
Religion und Sittlichkeit
Date
1907-01-01
Page
Seite 154 (sequence 57)
Language
German
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154 Begriffe der systematischen Philosophie vereinbar, daß neben der Ethik der Begriff der Religion unablösbar und unersetzbar zu Recht bestehen bleibe? Me sehr die Religion der Propheten auch hierfür als Wegweiser dient, das zeigt sich an dem mächtigen, sonst die Wege bahnenden Beispiel Platons. Er scheut den Spott nicht, den er von seinem kühnen Ausspruch erwartet: „es werde nicht früher Ruhe in den Staaten werden, als bis entweder die Philosophen herrschen werden, oder die jetzt sogenannten Könige philosophieren." Es scheint ihm der höchste Gipfel idealistischer Aussicht zu sein, auf den er hiermit den Blick erhebt. Und doch ist diese Alternative gerade der treffende Ausdruck seiner idealistischen Schranke. Erstlich ist es störend, daß die herrschenden Stände als bestehend einen bleibenden Einteilungsgrund unter den Menschen zu bilden, scheinen. Der Begriff des Staates muß nicht auf diesen Unterschied, noch an ihm begründet werden. Wichtiger aber noch ist es. daß die Philosophie nicht bei den Herrschenden lokalisiert wird. Der zweite Teil der Alternative vollends ist gänzlich zu verwerfen. Demgegenüber fordern die Propheten für das Weltalter der messianischen Idee: „Fürwahr, es kommt die Zeit . . da will ich . . einen neuen Bund schließen. . . Ich gebe meine Lehre in ihr Inneres, und in ihr Herz will ich sie schreiben. . . Fürderhin werden sie nicht lehren, einer seinen Nächsten und einer seinen Bruder also: erkennet den Ewigen, Denn allesamt werden sie mich erkennen, von ihren: Kleinsten bis zu ihrem Größten." (Jer. 31, 31—34.) Diese allgemeine Erkenntnis der Sittlichkeit für alle Menschen ohne Ausnahme ist die Grundbedingung der messianischen Gesinnung; ohne sie gibt es keinen „Nächsten", keinen „Bruder". Das ist der echte Inhalt des „neuen Bundes", nach welchem die Religion „in das Herz geschrieben" ist. Vor ihr und für sie gibt es keinen Unterschied zwischen „Klein und Groß". Der Friede der Welt ist gegründet in der allgemeinen Erkenntnis, an welcher alle Menschen Anteil haben.

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