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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1907-01-01 · 10 (1907) · p. Seite 152

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
10 (1907)
Article
Religion und Sittlichkeit
Date
1907-01-01
Page
Seite 152 (sequence 55)
Language
German
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152 die Gottesidee die Unterscheidung der Religion vom Mythos verfolgten, so dürfen wir nunmehr die Unterscheidung der Ethik von der Religion ins Auge fassen. Denn wir hakten auf allen Schritten zu beachten, wie die Religion immerfort mit dem Mythos zu ringen hat, wenn sie des Leitmotivs der Sittlichkeit mächtig werden und bleiben soll. Es ist die Frage der Kultur und ihrer Einheit, die sich hier uns entgegenstellt. Es ist zugleich die Frage der Philosophie, des Systems der Philosophie, die wir dabei erwägen. Welche Provinz kann die Religion im Reiche des Geistes bilden? Es ist die Einheit des Geiskes, als des Geistes der Erkenntnis und der Kultur, welche durch die Selbständigkeit der Religion gefährdet wird. Und diese Gefahr geht soweit, daß die Einheit des Geistes in ihrer Bedeutung als höchstes Problem des menschlichen Bewußtseins entwertet zu werden droht. Die Religion soll die Lehre von Gott sein. Wir haben dagegen gesehen, daß die Idee Gottes zugleich die Idee der Menschheit bedeuten und gewährleisten muß. Was man sonst vom Wesen Gottes lehren will, muß vom Uebel sein; denn ich darf darüber nichts wissen wollen. Aber die Religion stellt nicht blos einen Ueberfluß dar, der unzulässig ist, sondern sie macht einen Eingriff in den Lehrgehalt der Ethik; sie verkürzt, verstümmelt die Ethik, um ihr gegenüber einen notwendigen Lehrstoff darbieten zu können. So wird sie zu einem Feinde der Philosophie, weil zu einer Nebenbuhlerin der Ethik. Das hat alles aber noch den Anschein einer technischen, wenn selbst einer methodischen Auseinandersetzung; der eigentliche Nerv des methodischen Unterschiedes bleibt dabei noch verborgen. Wenn in dem Begriffe Gottes das innerste Wesen der Religion in die Ethik herübergenommen wird, so wird damit die Richtung des Geistes, der die Religion entspringen soll, in die Richtung des ethischen Bewußtseins übergeleitet. Das macht den eigentlichen Unterschied aus. Die Richtung der Religion wird aufgehoben in die der Ethik. Was bedeutet diese Aufhebung? Sie bedeutet nicht.

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