Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 150 (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
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150 menschlicher Wohlfahrt, und dessen ästhetischer Flugkraft man bereitwillig die Zügel schießen läßt; es muß eine strenge, nüchterne Alternative des sittlichen Geistes werden: ob Willkürherrschast auf Erden und Naturalismus in Geist und Macht bei zuzubilligender Prärogative an die mancherlei Arten von Üebermensch; oder aber ob Gerechtigkeit und Einheitlichkeit des Menschentums, wie es die Idee der Allheit der Menschheit unnachsichtlich gebietet, den Plan und Zweck der Weltgeschichte bilden. Die Idee der im Dienste der Menschheit vereinigtem Menschheit, als die der weltgeschichtlichen Zukunft, unbeschadet der Mannigfaltigkeit von Völkerindividualitäten, vorbehaltlich aber chrer Bezähmung durch die Idee der Menschheit, das ist die Idee 'der echischen Realität. An chrer Wahrheit und einstigen Wirklichkeit darf kein Zweifel aufsteigen können. Wenn ich diesen Glauben nicht haben darf, so ist das ganze Gebäude der Sittlichkeit vielleicht ein Lehrgebäude auf methodischen Grundlagen errichtet; aber es hat keinen Abschluß, keinem methodischen Abschluß, weil die Grundlagen selber der Vollendung ermangeln. Die methodischen Grundlagen der Ethik müssen hinausgeführt werden zu dem Begriffe.der Realität der Menschheit. In der Ethik Kants selbst dürfte dies der intimste Fehler sein, daß er die Idee Gottes zu einem Postulat abgestumpft hat. Aus der ganzen Anlage und Durchführung feines systematischen Weökes läßt sich dieses wohl auch als ein Vorzug beleuchten; nichtsdestoweniger ist es ein Mangel, der sich selbst in seiner Freiheitslehre, der es vornehmlich zu Statten kommen sollte, erkennbar macht. Die Freiheit soll das Vermögen sein, die -Handlung „von selbst anzufangen." Wo aber ist dieses Selbst? Ist es etwa schon da? Dann wäre es ja die absolute Substanz, die von der dogmatischen Seite behauptet, hier aber kritisch bestritten wird. Und wenn es schon da wäre, dann wäre auch die Freiheit schon da, die in ihm besteht, wie es in ihr. Dann wäre die Freiheit nicht, was sie doch allein sein soll, eine Aufgabe. Wenn aber