Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1907-01-01 · 10 (1907) · p. Seite 145

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
10 (1907)
Article
Religion und Sittlichkeit
Date
1907-01-01
Page
Seite 145 (sequence 48)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3111067-3111086-3114155--2677-3114314
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

145 alle die Gefahr nur noch verstärkt worden, welche in diesem strengen Begriffe gegenüber der Freiheit und der Perfektibilität des sittlichen Individuums nicht nur in der dogmatischen Abstraktion, sondern für alle weltliche Praxis obwaltet. Auch für den Grundbegriff in diesem ganzen dogmatischen Kreise, für den vom Reiche Gottes, ist der Unterschied zwischen Individuum und Menschheit nicht ausgeglichen. Auch wenn wir bereitwillig zugestehen, daß das Reich Gottes im christlichen Sinne nicht ausschließlich die jenseitige Welt des ewigen Lebens bedeuten muß; wenn wir ihr auch die Bedeutung des Reiches Gottes auf Erden zuerkennen würden, so kann dies doch nur in dem Sinne zulässig sein, daß dieses Gottesreich in uns gegründet sei. Immer aber bleiben wir es, wie wir sind, oder geworden sind, oder werden können, in denen dieses Gottesreich errichtet wird. Immer also ist und bleibt es das menschliche Individuum, in dem das messianische Reich begründet wird. Im prophetischen Sinne dagegen ist es die Weltgeschichte, ist es die Menschheit, in der idealen Vereinigung der Völker, welcher das Reich Gottes zu verwirklichen aufgegeben wird; welche allein es zu verwirklichen vermag; von der erst jene Wirklichkeit in das menschliche Individuum hineinstrahlen, zurückdringen kann. Freilich muß auch sie im Individuum sich verwirklichen, gleichsam in das Individuum Hinein sich verwirklichen. Das muß auch der christlichen Religion zugestanden bleiben; aber den methodischen Ausgang darf allein die Menschheit der Zukunft bilden. Das ist der Unterschied; und der muß durchgedacht werden. Das fordert nicht allein die vergleichende Religionsgeschichte, sondern nicht minder auch die systematische Ethik. So ist es geschichtlich, wie sachlich, zu verstehen, daß das Judentum bei aller Trübung mit Mystik, und bei aller mythischen Verwirrung, der es in keinem Zeitalter gänzlich sich enthoben hat, dennoch der Eschatologie sich niemals in die Arme geworfen hat, sondern dieselbe vielmehr zu einer grundsätzlichen Leitung nicht kommen iv

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.