Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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144 Nur von der Allheit der Menschheit aus kann das Individuum zu seinem sittlichen Heile gelangen. Die Zukunft der Menschheit, sie erst gewährleistet die Wirklichkeit des sittlichen Individuums. Bis zum Frieden in der Natur schwingt sich die sittliche Sehnsucht nach dieser Zukunft auf. Daher die grundsätzliche Bekämpfung des Krieges, als des geschichtlichen Götzendienstes. Es ist der echte, lebendige, wahrhaftige Geist der Geschichte, der Weltgeschichte in der Perspektive der Menschheit, der den Messianismus der prophetischen Religion leitet und prägnant macht. Das ist Urkraft der Sittlichkeit, und es ist letztes und höchstes Ziel der L>ittlichkeit. Es bedarf nur des kurzen Hinweises auf die Differenz, welche dagegen im Christusgedanken besteht. Wir brauchen nicht darauf einzugehen, daß es der ganzen Anlage des Dogmas gemäß vorzugsweise um das Individuum sich handelt, um seine Erlösung, seine Verwandlung, seine Wiedergeburt. Nur wie der Begriff der Zukunft sich demgemäß gestaltet, das sei kurz betrachtet. Es ist ein tiefer Sinn in dem ewigen Leben geborgen, das hierdurch errichtet wird. Fern sei es von uns, diesen tiefen Sinn verflüchtigen zu wollen. Es wird dadurch von anderer Seite her der Gedanke des geistigen Seins für die Sittlichkeit begründet. Auch hierdurch wird dem Naturalismus der sinnlichen, der vergänglichen Wirklichkeit Trotz geboten; und wie die Unsterblichkeit der Seele durch diese dogmatische Vorrichtung gesichert werden soll, so wird sie damit wenigstens bestimmter präzisiert und objektiviert. In diesem ewigen Leben ist eine Vorstufe zu erkennen für das Reich der Geister, als das Schema der Verfassung sittlicher Wesen. Indessen muß man doch immer bedenken, daß dem ewigen Leben die ewige Verdammnis zur Seite steht, und daß durch diese wieder die ungezügelte Phantasie der heidnischen Mythenwelt einzieht; wie denn auch gerade in der neuesten Zeit der Zusammenhang dieser anscheinend urchristlichen Vorstellungen mit der orphischen Theologie überraschend klar herausgestellt worden ist. Hierdurch ist