Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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148 Gottes durch ihr Volk an die Menschheit. Diese Menschheit ist noch keine Wirklichkeit auf Erden. Erst wenn alle Völker zusammenströmen werden zur einheitlichen Verehrung des Einzigen Gottes, erst in dieser Zukunft wird die Menschheit 'wirklich werden. Diese Zukunft ist daher kein Traumgebild, keine Phantasie der Dichtung, kein Rätselbild eines kühnen, über einen engen Nationalsinn hinausstrebenden Verlangens, in dem etwa nur ein Politischer Eroberungssinn sich versteckt hielte. Diese Hoffnung istder Zielgedanke einer neuen Richtung der Sittlichkeit. Es ist eine Urform des sittlichen Idealismus, welche hier sich vollzieht. Nicht nur das soll wirklich sein, was die Gegenwart darbietet in Natur und Menschenwelt, sondern wirklich ist in eminentem Sinne das, was noch nicht wirklich ist, aber in der Hoffnung vorweggenommen, in der Schau der Hoffnung als Wirklichkeit gefordert wird. Hoffnung, Zukunft, Menschheit gehören zusammen; sie bilden den Protest gegen die alleinige Wirklichkeit der Gegenwart in Natur und Geschichte. Wir sind damit auf die schon äußerlich schärfste Differenz zwischen Judentum und Christentum gekommen. Für das richtige Verständnis des Messianismus kann keine stärkere und gründlichere Hemmung ausgedacht werden, als welche in der falschen Uebersetzung des Messias durch Christus festgelegt ist. Denn Christus ist der Erlöser des Individuums, und nur dadurch kann und will er es auch für die Menschheit bedeuten. Der Messias dagegen ist der Erlöser der Menschheit, und nur dadurch kann und will er es für das Individuum werden. Daß der Messias auch die Erlösung des Individuums zu seiner ausdrücklichen Aufgabe macht, daran ist kein Zweifel; Jeremia und Ezechiel haben den Begriff des Individuums in Sünde und Erlösung entdeckt. Aber wie es keinen tieferen Unterschied als den Äer Methode gibt, so ist sonach der Unterschied zwischen Christus und Messias der denkbar tiefste.