Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111086-3114155--2674-3114311- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
142 Volkes, und in dieser auf eine Zukunft der Menschheit. Diese Hoffnung ist nicht eine Ausgeburt der Phantasie, noch die irgend eines natürlichen psychischen Hanges, sie ist das in folgerechtem Denken sich ausbauende Erzeugnis der eigensten sittlichen Richtung, der neuen Richtung auf die neue Sittlichkeit. Worin besteht das Neue, so daß darin die Religion im Unterschiede vom Mythos sich befestigen konnte? Es ist die Menschheit im Unterschiede vom Individuum, welche diesen neuen Begriff der Sittlichkeit bildet. Daher ist auch das .Auftauchen und das Erstarken eines neuen Zeitbegriffs für diese neue Richtung des Denkens so außerordentlich charakteristisch. Auch der Mythos hat eine Lichtseite zu dem Schreckensbild des Weltendes; diese liegt in der Vergangenheit, in welche ein goldenes Zeitalter verlegt wird. Es ist aber nicht allein dieser Unterschied zwischen Zukunft und Vergangenheit, der das Bild des messianischen Zeitalters charakterisiert; sondern ebenso bedeutsam ist der Unterschied von der Gegenwart. Für den Geist der Naturerkenntnis konzentriert sich alles Interesse auf die Gegenwart; in ihrem Dasein ist alles Sein beschlossen; sie hat die Vergangenheit in sich aufgesogen. So lebt auch der Mensch unter dem ausschließlichen Einstuß dieser Richtung des Denkens gänzlich in der Gegenwart; sie stellt seine Wirklichkeit dar und fest. Das mythische Denken verfolgt diese Wirklichkeit allenfalls noch in eine Präexistenz zurück, und wo es eine Zukunft ersinnt für das Individuum, da ist diese eben nur eine Fortsetzung der Gegenwart oder eine Wiederholung der Vergangenheit, nicht aber eine neue Art des Daseins. Das sinnliche, wie das mythische Denken, bleibt eben auf das Individuum, oder auf die Mehrheit der Individuen, welche Stamm und Volk in der Wirklichkeit der Gegenwart bilden, beschränkt. Ein ganz anderer Sinn liegt in dem Zukunftsbegriff, mittelst dessen die Propheten den Begriff des Messias ausgestaltet haben. Er ist der Sendbote ihres