Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 139 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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139 Dogma der Erlösung herzuleiten. Der tiefste Gehalt dieses Dogmas liegt in der Beziehung, die es für das menschliche Individuum aufstellt. Aus seiner Sünde heraus wird das Individuum ausgegraben, damit es durch die Erlösung das Seelenheil als Individuum, als sittliches Individuum — wir wollen es an dieser Stelle so zugeben — erlangen kann. Je tiefer fo das sittliche Individuum begründet wird, desto enger schließt sich das Verhältnis zwischen ihm und seinem Gotte. Und das Verhältnis zwischen Mensch und Mensch? Dieses Verhältnis tritt als Problem, geschweige als einziges, zurück. Und sofern es latent bleiben muß, so gilt seine Lösung als immanent in der Erlösung des Individuums. Damit aber richtet sich eine große Schranke auf. Denn wo die Erkenntnis dieser Lösung fehlt, die Glaube genannt wird, und zwar selbst in der tiefst möglichen Bedeutung des Wortes, — wie steht es da um die Lösung jenes andern Problems? Es eröffnet sich bei dieser Frage sogleich der weite Horizont der Glaubenskämpse der religiösen Menschheit. Und wir erkennen, wie unvermeidlich und unaufhörlich er den Schauplatz der Geschichte beherrschen muß. Die Erkenntnis des göttlichen Wesens, und zwar diese bestimmte Form und dieser unabänderliche Inhalt der Gotteserkenntnis ist nunmehr zur Grundbedingung der menschlichen Sittlichkeit erhoben. Und je mehr diese Gotteserkenntnis sich zugleich als Gottesliebe fühlt, desto leidenschaftlicher wird der Glaubenskampf, der Kampf um die Erkenntnis und die Liebe Gottes. Es gilt daher nicht als Einschränkung der Menschenliebe, des Menschentums überhaupt, daß diese Grundbedingung festgelegt wird; denn auf anderem Wege ist die Sittlichkeit nicht zu erdenken, geschweige zu verwirklichen als auf diesem Wege der Gotteserkenntnis, des Glaubens an das Wesen Gottes und an die göttliche Erlösung. Und doch ist dies noch nicht das fundamentale, charakteristische Moment in dieser ganzen dogmatischen Veranstaltung: es liegt in dem, wie immer sittlichen.