Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 138 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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138 beiden Begriffe sich decken; ob die Sittlichkeit des Menschen errichtet werden kann auf dein Grunde seiner göttlichen Erlösung. Und um diese Frage zu einer klaren Lösung zu bringen, wollen wir an einen Punkt anknüpfen, der oberhalb der religiösen Differenzen zwischen beiden Formen des Monotheismus liegt. Zunächst haben wir wiederum zu erkennen, daß hier, und das wird ja als der spezifische Vorzug des Christentums ausgegeben und anerkannt, daß hierdurch das unmittelbare Verhältnis zwischen Mensch und Gott hergestellt wird; man bezeichnet es in einer schwankenden Fassung als das Verhältnis der Unmittelbarkeit. In dem letzteren Ausdruck liegt schon ein Werturteil des religiösen Bewußtseins; schlicht logisch ist dagegen die Sache, auf die es ankommt, durch das unmittelbare Verhältnis bezeichnet. Damit ist gemeint, daß der Mensch durch Christus keines Gottes bedarf, um zu Gott zu gelangen. Dieser Tautologie wird jedoch dadurch ausgewichen, daß an zweiter Stelle für Gott die Sittlichkeit eintritt. Man bedarf also keines Gottes, um zur Sittlichkeit zu gelangen. Indem man so die Tautologie im Gedanken der Unmittelbarkeit umgangen hat, kann man einen anderen Widerspruch zur Konsequenz erheben: Die Unmittelbarkeit soll nämlich den Mittler einschließen. Darum muß Gott zum Mittler werden, damit das Verhältnis zwischen Gott und Mensch unmittelbar werde. Dies ist die Differenz vom Judentum, die wir schon erwogen haben: im Judentum ist Gott nur Vorbild, nur Vorzeichnung, an der wir zu lernen haben, was Sittlichkeit sei. Wie sie in uns wirklich werde, dazu können wir keiner Vermittlung Gottes bedürfen; er würde sonst als ein direktes Glied zu uns in Verhältnis treten. Die Sittlichkeit kann nur und ausschließlich durch unsere eigene Handlung unsere Wirklichkeit werden. Gottbedeutet hierfür nur gleichsam die Möglichkeit des Musters und Schemas. Das Alles liegt schon in dem Gegensätze zum Mythos, den wir zu Grunde gelegt haben. Jetzt aber gilt es, ein anderes Moment aus dem