Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 137 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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137 und beherzigt. Dennoch aber müssen wir von hier aus zur Begriffsbestimmung der Religion an das Christentum die Sonde legen. Je unbefangener wir diesen ethischen Kern in der christlichen Dogmatik zugestehen, desto klarer wird von hier aus die Differenz vom Judentum. Der Gott, der zugleich Mensch ist, ist eben nicht nur und nicht ausschließlich das Vorbild des Menschen. Daher ist es hier das Wesen Gottes, welches den eigenen Inhalt des Glaubens bildet. Freilich vollzieht sich dieses Wesen in der ganzen Geschichte seines Daseins nur unter dem Gesichtspunkte der Sittlichkeit; aber es ist nicht der Gesichtspunkt der selbständigen menschlichen Sittlichkeit, durch den und auf den das Wesen Gottes eingeschränkt wird. Das ist das Erbteil des Mythos, welches im Christentum fortlebt. Nicht daß darum schon dieser Gottesbegriff unsittlich oder widersittlich würde; auch der Mythos hat die Tendenz zur Sittlichkeit; aber eine außersittliche Sphäre wird dadurch das Dogma zu beschreiben genötigt; wenn anders die Sittlichkeit aus der Freiheit beruhen muß. Es ist nicht erforderlich, daß wir zum Erweis dieses Gedankens die christliche Dogmatik durchgehen; es wird genügen, wenn wir ihren vornehmlichsten Grundbegriff betrachten. Die zweite Person der Trinität figuriert als Erlöser. Wir können, um die Bedeutung dieses Punktes für unser Problem zu verstehen, sogar davon absehen, was sonst an mythischen Elementen die Menschwerdung enthält, wie insbesondere das Leiden, einschließlich gar des Sündigens. Auch den Opfertod Christi dürfen wir außer Betracht lassen, obwohl hierin deutlich genug der intimste Zusammenhang mit dem Mythos unverkennbar wird. Aber wir wollen, um. der Sache tiefer auf den Grund zu kommen, nicht auf die oberflächlichen Momente unseren Blick heften. Der eigentliche Sinn und Zweck dieses ganzen dogmatischen Gebäudes ist doch das Seelenheil des Menschen, mithin, wie man gemeinhin zu denken pflegt, seine Sittlichkeit. Die Frage ist aber eben, ob diese