Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 135 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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185 begriff der Einheit Gottes, welcher dieses Fundament in Kraft erhielt. Der jüdische Monotheismus wäre zu Grunde gegangen, wenn dieses Motiv, dem es seinen Ursprung verdankt, hätte erschüttert werden können. Das Wesen Gottes ist und bleibt das Wesen der menschlichen Sittlichkeit. Und dieses Wesen der menschlichen Sittlichkeit hat die strenge Bedeutung: daß der Mensch seine Sittlichkeit selbst sich zu erschaffen, zu erbauen, zu erhalten, und daher auch zu verantworten habe. Sie kann nicht von dem Wesen Gottes auf das Wesen des Menschen überfließen. Wie kosmisch, so wird auch ethisch jede Art der Emanation verpönt. Gott bedeutet nicht die Kraft, aus welcher der Mensch seine Sittlichkeit schöpfen kann, sondern lediglich das Musterbild, die Vorzeichnung, nach welcher er seine Handlungen einzurichten hat. In diesem Sinne der Vorzeichnung ist auch die Vorschrift, der sogenannte Befehl zu verstehen; wenn anders er nicht einen plumpen Widerspruch gegen die Freiheit des Menschen bilden soll. Der Befehl, das Gesetz ist nur ein anderer Ausdruck für dieses Wesen Gottes, als das Urbild und Vorbild der menschlichen Sittlichkeit. Was Gottes Wesen sonst ausmachen mag, das kann ich nicht wissen; das will ich nicht wissen. Es entzieht sich meiner Fähigkeit, und ebensosehr meinem religiösen Interesse. Es gilt dafür das Wort Hiobs: „die Tiefe Gottes wolltest du erreichen?" So erschöpft sich der jüdische Gottesbegriff in der ethischen Bedeutung der Gottesidee. Auf dieser Einschränkung beruht die Differenz zwischen Judentum und Christentum. Wiederum liegt es uns fern, die überall durchwirkende ethische Tendenz und Kraft der christlichen Gottesidee zu verkennen. Aber gerade in der sittlichen Grundbedeutung, die sie ins Werk setzt, prägt sich dieser Unterschied aus. Es ist der Grundgedanke des christlichen Monotheismus, der auf diese Tendenz hintreibt. Während im Judentum