Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 134 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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134 d. h. nicht Gegenstand des philosophischen Interesses und ebensowenig des religiösen Glaubens. Diese Position der jüdischen Dogmatik, welche durch die ganze Reihe dieser Klassiker hindurch behauptet wird, ist eine folgerichtige Fortführung der ursprünglichen Bedeutung des prophetischen Monotheismus. Gott hat sein Wesen ausschließlich in der Sittlichkeit. Er ist das Vorbild und das Urbild der Sittlichkeit, welche die Menschen in ihren Handlungen kraft ihrer Freiheit zu betätigen haben. Der Mensch selbst ist Herr seiner Sittlichkeit; er hat sie zu vollziehen, und daher auch zu verantworten. Gott kann ihm dabei beistehen; doch das ist schon ein Ausdruck, der an der Grenze der Popularität liegt. Genauer ist das Wort des Talmuds: daß die Gottesfurcht außerhalb der Sphäre der göttlichen Allmacht liegt. Nur als Ideal der menschlichen Handlung darf das Wesen Gottes gedacht werden. Nur diejenigen Attribute, in denen die Tugenden bezeichnet werden, dürfen als Attribute Gottes den Gegenstand der religiösen Erkenntnis Gottes bilden. Die entscheidende Bedeutung, welche in dieser Grundrichtung des jüdischen Denkens für den Begriff des Judentums sich darstellt, ist dahin zu formulieren: daß dadurch der Mythos aus der Religion des Judentums ausgeschieden wurde. Wir erkannten den tieferen Begriff des Mythos darin, daß er ein unmittelbares Verhältnis zwischen Mensch und Gott aufstellt und festhält. Wir erkannten weiter, daß die Propheten zur Entdeckung von der Bedeutung des einzigen Gottes dadurch gelangten, daß sie dieses direkte Verhältnis bekämpften, dagegen den Blick des Menschen auf seinen Nebenmenschen lenkten. Gott trat zurück; aber je inniger das Interesse am Mitmenschen wurde, und je dringlicher die Sorge wurde um den Ausbau und die Reinhaltung dieses Verhältnisses zwischen Mensch und Mensch, desto freier, tiefer, heller wurde der Ausblick auf jenen Gott im Hintergründe alles Bewußtseins. Dieses spezifische Merkmal, welches die Religion vom Mythos unterscheidet, hat sich im Judentum erhalten; denn es war der Grund-