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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1907-01-01 · 10 (1907) · p. Seite 129

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
10 (1907)
Article
Religion und Sittlichkeit
Date
1907-01-01
Page
Seite 129 (sequence 32)
Language
German
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129 Es muß seltsam erscheinen, wenn wir in den Begriff Gottes selbst diesen Unterschied setzen; seltsam aus beiden Gesichtspunkten: aus dem der Ethik, wie aus dem der Religion. Denn schon beim Ursprünge der griechischen Ethik verkannten wir nicht, daß die Götter nicht geleugnet wurden. Und den Gott der Propheten sahen wir grundsätzlich als den Gott der Sittlichkeit erstehen. Und dennoch soll im Begriffe Gottes der Unterschied zwischen Religion und Sittlichkeit, zwischen Religion und Ethik bestehen? Wir dürfen uns dennoch von dieser scharfen Grenze nicht ablenken lassen. In keinem Zeitalter ist es von dem einigermaßen Unbefangenen verkannt und verheimlicht worden, daß der Religion, auch der höchsten, die man als solche annimmt, inythische Elemente beigemischt geblieben seien; auch im Christentum gesteht man das Fortwirken heidnischer Elemente zu. Man sollte aber fragen, wie dies möglich sei. Man sollte sich nicht mit der wohlfeilen Historik befriedigen, daß in allen geschichtlichen Bildungen ein Kamps gegensätzlicher Motive sich vollziehe. Jedenfalls müßte man darauf denken, das geschichtliche Wesen einer so reifen Kulturgestalt, welche das Christentum ist, tiefer ergründen zu können, wenn man die Frage auf diesen Quell ihrer Lebensimpulse richtet. Auch wir meinen nun nicht, wenn wir auf einen genaueren Unterschied zwischen Religion und Mythos dringen, als derselbe bisher angenommen wird, damit die eine Religion, als mit dem Mythos behaftet, eine andere hingegen von ihm gänzlich befreit zu erkennen; sondern wir räumen bereitwillig ein, daß in allen Erscheinungsformen der positiven Religion Mythos sich forterhalten hat. Nichtsdestoweniger aber machen wir den Versuch, den Unterschied zwischen Judentum und Christentum mit Rücksicht auf die Beimischung des Mythos in dem Gottesbegriffe zu bestimmen; und darauf auch denjenigen Unterschied zwischen Judentum und Christentum zu präzisieren, der, wie in Bezug auf den Begriff der Religion, demgemäß auch in Bezug auf den Ausbau der Ethik zwischen Beiden besteht. 9

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