Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 130 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Bevor wir der Sache nähertreten, seien Vorurteile abgewiesen. Wir gehen nicht etwa von dein Gedanken aus, daß in der Trinität ein abgeschwächter Monotheismus, also eine Forterhaltung des Polytheismus vorliege. Denn uns könnte für diese Frage nur interessieren, ob das Problenr der Sittlichkeit durch -die Trinität verkümmert würde. Auch von dem Gedanken werden wir nicht geleitet, daß durch die zwei Naturen in der Gottheit das Verhältnis zwischen Mensch und Gott, entgegen dem prophetischen Verhältnis zwischen Mensch und Mensch, stabiliert sei. Denn wir haben vor allem es auzuerkennen und durchzudenken, daß dadurch nur unmittelbarer und zwar zugleich im Sinne der griechischen Ethik, das Verhältnis zwischen Mensch und Mensch, weil im Menschen selbst, und weil dieser zugleich Gott sei, um so zuverlässiger begründet und festgestellt werden soll. Alle diese Erwägungen müssen jetzt zuriicktreten. Noch ein anderes Vorurteil muß aus dem Wege geräumt werden. Wir gehen darauf aus, ein Vorwalten des Mythos in der christlichen Gottesidee zu betrachten. Das scheint eine Schmähung zu sein. Der Schein fällt jedoch jenseits historischer, wie philosophischer Untersuchung. Die fortgeschrittene Einsicht würdigt jetzt das Wesen des Mythos besser. Er gilt jetzt nicht mehr lediglich als ein Vorelement, sondern durchaus als ein Urelement der Kultur. Und in vieler Hinsicht scheint die Kultur fortdauernd dieser Mythischen Urkraft zu bedürfen. Wir brauchen hierfür nur an die Kunst zu denken, und zwar an alle Arten derselben, und nicht in letzter Stelle an die Poesie. Ja, selbst für eine ethische Fortbildung des religiösen Problems jenseit der Grenzen der Religion könnte es beinahe fraglich werden, ob nran des mythischen Urmotivs für die Realität eines Gottes gänzlich und bis auf den letzten Rest entraten kann. Schon aus solchen Seitenblicken ergibt sich, daß uns die Absicht fernliegen muß, eine Religion verdächügen und in ihrem Werte schmälern zu wollen, wenn wir die Präponderanz des Mythos in ihr fixieren zu müssen