Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 128 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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128 aus einem Geheimnis heraus entspringt er. Der Prophet sucht zwar nach einer gewissen Klarheit darüber, wie er zu seiner Botschaft Gottes komme; aber es ist charakteristisch, daß es immer nur der sittliche Weg ist, auf den auch dabei seine Wißbegier gerät. Daher ist der Ausdruck „Last" so tief bezeichnend. Seine Botschaft fühlt er nicht als eine Befreiung seines Geistes, als eine Entfaltung, geschweige als eine Erhöhung seines Selbstbewußtseins; und auch nicht einmal als eine Befteiung seines Gefühls von der Last, die auf ihn drückt; sondern sie bleibt die Last, die aus ihn gelegt ist; der er sich nicht entledigt, indem er sie kundtut. Doch, wie bedeutsam hier immer die Unterschiede von allem sonstigen geistigen Schaffer sich noch ausdeuten lassen mögen, auf den Unterschied von der Erkenntnis kommt es letztlich an. Wenn nun in dieser prophetischen Sittlichkeit mit dem wahrhaft Einzigen Gotte die Religion entstanden ist, so steht sie im Unterschiede von der Erkenntnis d er Wissenschaft. Und wenn in dieser prophetischen Religion des Einzigen Gottes der Gedanke der Sittlichkeit entstanden ist, so steht diese Sittlichkeit in Differenz mit der Sittlichkeit der Erkenntnis, mit der Sittlichkeit der griechischen Philosophie. Dieser Unterschied muß fest und sicher eingehalten werden; ohne ihn gibt es keine Klarheit und keine Ehrlichkeit. Die Sittlichkeit der geistigen Kultur der Menschheit ist nicht auf dem Standpunkte der prophetischem: Religion stehen geblieben; wie sehr wir sehen werden, daß sie inhaltlich einen Vorzug vor allen sittlichen Ideen der Kultur behauptet. Die Sittlichkeit ist in: Gange der wissenschaftlichen Kultur und der geistigen Kultur überhaupt die Wege des Griechentums gegangen, sie ist Erkenntnis geworden und hat sich auf diesem Wege in Gegensatz und Widerspruch zur Religion mit deren Sittlichkeit gesetzt. Wir dürfen daher der Frage nicht nusweichen: worin unterscheidet sich die Religion mit ihrer Sittlichkeit von der Sittlichkeit der Philosophie? Worin liegt der Unterschied zwischen Religion und Ethik?