Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 127 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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127 einzige Gott hat die Aufgabe der Sittlichkeit. Darin liegt die Ursprünglichkeit, die Eigenart des neuen, des einzigen Gottes, daß er hervorgeht aus dem Verhältnis zwischen Mensch und Mensch, hervorgeht aus dem Gedanken der Sittlichkeit. Jetzt begreifen wir die Spannung, die innerhalb der Kultur zwischen Religion und Sittlichkeit entstehen konnte, entstehen mußte. Wie der Gedanke des Guten mit dem prophetischen Gotte entstand, so entstand er auch im Sokratischen Begriffe des Guten, in Platons „Idee des - Guten." Und wenn wir oben sagten, daß für Sokrates und Platon die Götter hinterher kamen, so ist es vielleicht buchstäblicher zu verstehen, als der lokale Ausdruck es erscheinen läßt. Es ist eine recht müßige Frage, die althergebrachte über das Verhältnis der Platonischen Idee des Guten zu Gott: zu welchem Gotte: zu Zeus oder zu Apollon? um nicht gar etwa auf Dionysos zu raten. Hier kommt es auf den Begriff an, aus die Erkenntnis; demgemäß aber auf den Zusammenhang der Idee des Guten mit den mathematischen Naturideen; also auf den Erkenntnis wert der Idee auch für das Problem des Guten. Bei den Propheten hingegen schürt nicht der Trieb begrifflicher, wissenschaftlicher Erkenntnis; die wissenschaftliche Forschung liegt jenseits ihres Horizontes; sondern wie Dichter, wie Seher, die aus dem Opserwesen emportauchen, weissagen sie von dem Guten, das der einzige Gott den Menschen kündet. Diese Kunde ist nicht Wissenschaft, nicht Erkenntnis; denn sie wird nicht durch eine wie immer elementare methodische Forschung gewonnen; sie prägt sich daher auch nicht in Begriffen aus; sie bleibt ein Mischgebild des Denkens und des Dichtens. Das Lehrgedicht etwa gibt ihr ein ästhetisches Bürgerrecht. Der prophetische Gedanke des Guten ist nicht und will nicht sein ein Begriff der Erkenntnis; mithin nicht ein Erzeugnis, ein Ergebnis der Erkenntnis, eines Denkens, welches von Grundlagen ausgeht und in regelrechten Folgerungen fortschreitet, sondern wie