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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1907-01-01 · 10 (1907) · p. Seite 125

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
10 (1907)
Article
Religion und Sittlichkeit
Date
1907-01-01
Page
Seite 125 (sequence 28)
Language
German
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125 Philosophie Wie aber die Philosophen den Begriff des Guten erdacht Haben, so die Propheten den Gedanken des Guten. Zwischen Begriff und Gedanke oder „Gesicht" besteht ein Unterschied; aber gemeinsam ist Beiden ihre Ursprünglichkeit: daß sie, die Einen ihren' Begriff, die Andere.: ihren Gedanken, auch in der Forni des Gesichts, dem Mythos nicht entnommen haben wollen. Der Mythos ist festgebannt auf das Verhältnis zwischen Mensch und Gott; der prophetische Gedanke Gottes entsteht auf Grund des Verhältnisses zwischen Mensch und Mensch. Von dieser Stufenleiter erst erhebt sich die Beziehung auf Gott. Nun entsteht aber innerhalb der Kultur eine schwierige Kollision. Denn dieses Verhältnis von Mensch und Mensch in seiner Ausschließlichkeit und Zulänglichkeit ist es, was die gebildete Menschheit sich gewöhnt hat, Sittlichkeit zu nennen. Wie sehr immer die Religion der Sittlichkeit den Rang streitig machen mochte, wie eifrig sie darauf bestand, keine Sittlichkeit außerhalb ihres eigenen Gebietes, außer durch sie selbst als möglich anzuerkennen, so ist es doch aus der Schule der griechischen Philosophie her in das Bewußtsein der Menschen übergegangen, daß die Sittlichkeit in erster Linie die Verhältnisse unter den Menschen zu bedeuten und zu verwalten habe. Die Götter bleiben darum nicht außer allem Betracht, aber sie kommen hinterher. Bei den Propheten vollzog sich, fügte sich eine andere Ordnung der Gedanken. Sie hatten zu allererst das Interesse der Menschen abzulenken von der Sorge um die Götter; sie hatten auf die Menschen selbst die Einkehr zu lehren. Indem sie dadurch aber von dem Grundgedanken der Sittlichkeit ergriffen waren, von dem Gedanken des Guten, der unter den Menschen aufzurichten sei, so kamen sie auf die Entdeckung vom eigentliche:: Sinn des einzigen Gottes. Das Gute zu stiften, das ist nicht die Sache der Götter; dazu bedarf es einer ::euen Gottheit, einer neuen Art von Gott; diese neue Art bedeutet die Einheit Gottes. Wir brauchen jetzt nicht sogleich auf das Verhältnis

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