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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1907-01-01 · 10 (1907) · p. Seite 124

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
10 (1907)
Article
Religion und Sittlichkeit
Date
1907-01-01
Page
Seite 124 (sequence 27)
Language
German
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124 Eintreten: das Verhältnis des Ich zum Mitmenschen. Diese andere Richtung führt der Prophet in das Bewußtsein des Menschen ein. Dieser Ausdruck ist freilich ungenau: der Prophet bringt das Verhältnis des Ich zum Mitmenschen nicht zur Herrschaft im Bewußtsein feines Zeitalters; aber er gewöhnt in seiner ewigen literarischen Wirksamkeit die Menschen daran, diese Richtung auf das Verhältnis der Menschen zu einander einzuschlagen, wofern sie den Weg zu Gott suchen wollen. Nicht von Gott rückwärts zu den Menschen, sondern von den Menschen aufwärts zu Gott. Micha hat es in dem Ausspruch, der zwar viel zitiert wird, aber nicht tief genug verstanden werden kann, präzis formuliert, worin der Unterschied des neuen Gottes von den alten Göttern besteht: „Er hat dir verkündet, o Mensch, was gut ist." Nicht darein fetzt der Prophet die Offenbarung seines Gottes, daß dieser sein göttliches Wesen dem Menschen kundgetan hätte; das ist nicht der Sinn noch der Inhalt der göttlichen Botschaft; in seinem eigenen Wesen liegt nicht die Bedeutung Gottes für den Menschen. Was gut fei, das hat Gott kundzutun, und das hat er kundgetan. Wenn es sich aber um das Gute handelt, so handelt es sich nicht um Gott, außer sofern es von ihm ausgeht, von ihm kundgetan wird. Bei dem Guten handelt es sich um den Menschen. Daher ist diese Apostrophe: „o Mensch" hier so innerlich bedeutsam. Wo das Gute kundgetan wird, da wird der Mensch angesprochen. Und das allein erscheint jetzt als. die "Aufgabe Gottes: den Menschen anzusprechen, und was gut sei, ihm zu künden. Wo in aller Welt fände sich in den Mythen ein solcher Satz: die Götter oder einer derselben künden den Menschen, was gut sei? Glück oder Unglück, Sieg oder Untergang verkünden sie, oder lassen es verkündigen; das Gute aber haben die griechischen Philosophen nicht in Delphi sich offenbaren lassen; diesen Begriff haben sie erdacht, und darin besteht ihre

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