Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 120 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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120 in deren eigenartigen Richtungen; sondern immer nur die Wurzel derselben bedeuten, als diese Wurzel aber fortbestehen und fortwirken soll? Die geschichtliche Antwort kann nur die sein: daß der Mythos, als solche selbständige Wurzel, nicht als ein Zweig und ein Motiv gedacht, in der Religion fortlebt. Gegen die Sicherheit dieser Antwort kann nicht eingewendet werden, daß die Religion ja auch an allem Fortschritt der Kultur ihren eigenen Anteil habe, und einen unverächtlichen. Denn das ist eben die Frage, ob dieser Anteil, wie bedeutsam er sein mag, ein eigentümlicher ist, oder ob er nicht vielmehr auf der Aneignung derjenigen eigentlichen Kulturmotive beruht, welche von der Religion sich unterscheiden und sich abscheiden. Dem Bewußtsein des Mythos fehlt vor allem die Natur, insofern sie ein genaues Problem der wissenschaftlichen Erkenntnis ist. Dieser Begriff der Natur beginnt erst mit der Wissenschaft, in Griechenland zugleich mit der Philosophie, seinen geschichtlichen Lauf. Dem Bewußtsein des Mythos fehlt demgemäß auch der Begriff der Sittlichkeit, sofern diese es mit den Menschen, als unterschieden von der Natur, zu tun hat, haben will und haben muß. Wie sehr auch die Sittlichkeit sich bestreben, oder sich anstellen mag, den Menschen in Einheit mit der Natur zu denken, so ist für den Kulturmenschen diese Einheit inrmer nur eine Abstraktion; sie tritt erst nachträglich ein, nachdem die Unterscheidung und der Gegensatz sich fühlbar gemacht. Mithin denkt auch die Sittlichkeit den Menschen aus sein Wesen isoliert, abgetrennt von der Natur und von den Seelen und Geistern, welche die Natur beleben und beseelen, also auch von den Göttern. Sofern der Mythos in der Kultur fortzuleben vermag, ist es es also das Wesen und Wallen der Götter, das seinen eigenen, eigentümlich bleibenden Inhalt bildet. Es kann nun die Frage entstehen: wie dennoch innerhalb der Kultur der Mythos sich zu erhalten