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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1907-01-01 · 10 (1907) · p. Seite 119

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
10 (1907)
Article
Religion und Sittlichkeit
Date
1907-01-01
Page
Seite 119 (sequence 22)
Language
German
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119 Mythos ist daher im letzten Grunde die Gottheit und die Götterwelt. In ihr sind die Seelen einbegriffen. Aus dem Mythos ist alle Kultur herausgewachsen: die Wissenschaft, die Sittlichkeit, die Poesie und alle Kunst. Die Kultur hat sich in allen ihren Urrichtungen aus dem Mythos heraus entwickelt; ist nun aber ihre Wurzel, der Mythos, erstorben, oder aber hat er sich in diesen Entwickelungen selbst dennoch forterhalten? Unmittelbarer und augenscheinlicher ist das Element des Mythos bei der Religion als bei allen den anderen Richtungen der Kultur; denn hauptsächlich und vornehmlich will sie es ja mit der Gottheit zu tun. haben. Ursprünglich ist es gar nicht ein Unterschied, geschweige ein Gegensatz zwischen Mensch und Gott, kaum ein Verhältnis überhaupt zwischen Beiden, das den Anlaß und den Inhalt des Mythos bildete; denn der Mensch ist selbst ein Gott, wie der Gott nur eine Art von Mensch ist. Die Seele, die erste Abstraktion des Urmenschen, die Lebenseinheit, die sich seiner Phantasie enthüllt, läßt beide Arten von Wesen entstehen, und hält sie in einer lebendigen Einheit zusammen. Ursprünglich ist es ebenso der Mensch, wie der Gott, der in der Seele gedacht wird. Allmählich aber entstehen eigene Richtungen, welche auf den Menschen allein gehen, und in welchen der Mensch als alleiniger Ausgangspunkt gilt; es entsteht die Kunst, welche die Gestalt des Menschen bildet, welche seine Gefühle entfaltet, ausspricht und darstellt; es entsteht der Trieb, für das Zusammenleben der Menschen in Staaten und Gemeinden zu sorgen, wobei die Kunst mithilft. Endlich wächst unter allen diesen Erweiterungen des persönlichen Gefühls auch der geistige Horizont und es entsteht das Interesse an der Erkenntnis, an der Wissenschaft, und zwar ebenso wie an der Natur, so auch insbesondere an der des Menschen und zwar nach allem Umfang seiner Interessen. Es entsteht sonach mit einem Worte die Kultur in allen ihren Richtungen. Was bleibt nun für den Mythos übrig, wenn anders er sich nicht in die Kultur einsügt, als ein fortwachsendes Moment

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