Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 118 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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118 Man darf daher nicht fragen, wie sich dieser Absolutismus der Religion mit dem geschichtlichen Sinne und der geschichtlichen Schulung vereinbaren lasse, welche der heutige Mensch und insbesondere der Forscher als innersten Grundzug seines Wesens walten läßt. Denn es handelt sich nicht sowohl um eine geschichtliche Ansicht von dem Abschluß des religiösen Prozesses in einer positiven Religion bei diesem Ansprüche, als vielmehr um eine psychologische Ansicht, welche sich den Anschein einer systematischen gibt. Bevor wir aber und anstatt daß wir in eine Prüfung dieser psychologischen Ansicht von der Einheit des Menschen und dieser systematischen Ansicht von der Universalität seiner Bestrebungen und seiner Gefühle eintreten, wird es einfacher sein, die geschichtliche Betrachtung aufzunehmen und unbefangen zu fragen, wie die Religion entstanden sei. Darauf gibt es nur eine Antwort, welche in allen religiösen Lagern, sofern sie wissenschaftlich in Betracht kommen, zugestanden wird: die Religion ist in ihren elementaren Motiven aus dem Mythos entstanden. Der Mythos aber bezieht sich zunächst zwar auf die Natur und auf die Veränderungen, die in der Natur vor sich gehen, auf ihr Verständnis und schon auf ihre Auffassung; aber das Interesse des mythischen Menschen geht über die Natur hinaus; wenigstens über die Natur, welche wir jetzt noch auch nur im allgemeinen Sinne als solche denken. Zu seiner Natur gehört die Seele, und zwar die der Tiere, der Bäume, der Himmelskörper nicht minder als die des Menschen. Und wie die Himmelskörper eine Seele haben, so sind diese Seelen noch unmittelbarer als die der Menschen, und sie kommen dem Werte der Seele noch näher als was sonst der Mensch ist. Der Mythos hat es daher, weil mit der Seele in aller Natur, auch vorzugsweise mit den Göttern zu tun. Sie sind überall die Seelen, im Menschen, auf der Erde und über der Erde, in der Unterwelt und im Himmel. Seele und Gott gehören im Urbewußtsein des Menschen zusammen. Der Inhalt des