Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 117 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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117 Weniger unbewußten national-kirchlichen Sinne angestrebt wird. Auf diese Universalität des Weltbewußtseins also, welche den innersten Gehalt der philosophischen Romantik bildet, ist man heute in rationalistischen Kreisen nicht erpicht. Man sucht etwas Anderes, etwas Engeres, um nicht zu sagen Flacheres; nicht das Universum will man dabei umspannen, sondern nur das Jndividium. Der Anspruch aber geht darauf, daß durch die Religion und erst durch sie der Mensch zu einem Universum werde. Wenn nun dies nicht als pantheistische Zweideutigkeit gedacht wird, so kommt es darauf hinaus, daß ohne die Religion alle Bestrebungen des menschlichen Geistes zersplittert, also ziellos blieben, und daß erst die Religion sie zu vereinigen, einen Schwerpunkt ihnen zu geben, und somit dem sonst geteilten und gebrochenen Menschenwesen Universalität und Einheit und innerliche Zweckhaftigkeir zu stiften vermöge. So wird eine neue Art von Selbständigkeit für die Religion zu begründen gesucht; nicht im Gegensätze zur Philosophie, doch aber immer so, daß dadurch erst die Philosophie ihre Harmonie erlange. Die Selbstständigkeit der Philosophie wird damit verleugnet; und das ist es hauptsächlich, was alle kirchliche Theologie nur hören will, und womit sie sich zufrieden gibt: Selbstständigkeit der Religion gegenüber der Wissenschaft und der Philosophie. Nicht Kampfstellung gegen beide, das ist nicht nach dem Geschmacke unserer Zeit, sondern Frieden; wenngleich nur scheinbarer, aus der Grundlage des Verlangens der Philosophie nach Religion; wie eingeschränkt und zugemessen immerhin dieses Verlangen formuliert werden mag; nur Anerkennung der Ebenbürtigkeit der Religion im Haushalt der menschlichen Erkenntnis, und üu ewigen, geschichtlicher: Fortbetriebe derselben, das ist es allein, worauf es der heutigen theologischen Religiosität ankommt. Daraus geht ihr Anspruch der Universalität und der Absolutheit, welche sie allein dem Menschengeiste zu verleihen haben will.