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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1907-01-01 · 10 (1907) · p. Seite 114

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
10 (1907)
Article
Religion und Sittlichkeit
Date
1907-01-01
Page
Seite 114 (sequence 17)
Language
German
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114 erst gewinnt die Ethik ihr Privilegium, als Primat der praktischen Vernunft. Denn erst wenn die Logik das Feld der wissenschaftlichen Erfahrung durchmessen hat, dann erst kann die Ethik ihr Gebäude der sittlichen Ideen nicht als Lustschloß zusammendichten, sondern auf und über und nichtsdestoweniger in der Natur die Geschichtswelt der Menschen fest und sicher errichten. Jetzt konnte es nicht mehr Regel bleiben, daß ein Galilei vor der Kirche wegen seines astronomischen Weltgebäudes sich zu verantworten habe. Bei aller Anhänglichkeit der Engländer an den überkommenen Glauben kommt eine Abhängigkeit seines Weltsystems von einem biblischen Buchstaben Newton nicht in den Sinn. Die neue Weltanschauung hat diese Art von Religiosität hinweggefegt. Und so ist der gesamte Rationalismus der protestanüschen Engländer bis zu der Mystik eines Berkeley hin gänzlich frei und erhaben über jenes Gefühl der Abhängigkeit, von welcher seine größere Tiefe und wissenschaftliche Schärfe einen Descartes dennoch nicht freizumachen vermochte. Auf dieser protestantischen Geistesgemeinschast beruht die Sympathie Kants für die Engländer bis zu der Skepsis Humes hin. Andere, tiefer gelegene Auffassungen wären zu berücksichtigen, wenn eine eingehende Charakteristik des geschichtlichen Verhältnisses zwischen Philosophie und Religion hier unsere Aufgabe werden dürfte. Uns soll es vielmehr nur um die systematische Orientierung zu tun sein, und nur soweit die geschichtliche dazu erforderlich, oder dienlich ist, muß sie insbesondere auch für unsere Zeitgeschichte berücksichtigt werden. Zwei Ausdrücke treten dabei hervor, in deren Betrachtung wir die zureichende Kritik versuchen können: die Ausdrücke des Absoluten und des Universalen der Religion. Es kommt uns hier zuvörderst nicht darauf an, daß beide Ausdrücke auf das Christentum bezogen und beschränkt werden, wobei übrigens nur der Katholizismus ehrlich ist, der in beiderlei Hinsicht den Protestantismus vom Christentum ausschließt. Das Wort Christentum hat dagegen für den Protestanten nach der

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