Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 113 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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113 Philosophie, als die Weltanschauung ihren Befugnissen entziehen zu wollen. Es gibt aber auch, wenn man nur in logisch-wissenschaftlicher Hinsicht das Stichwort betrachtet, kein stärkeres Symptom der Oberflächlichkeit und des dreisten Eingeständnisses wissenschaftlicher Gewissenlosigkeit, als sie in dieser Offenheit sich in heutiger Zeit an das Tageslicht wagt. Denn in erster Linie ist doch hoffentlich die Welt die Natur, und die Anschauung die der Wissenschaft der Natur. Es darf aber keine Ethik ohne Logik geben, also ohne die Logik der mathematischen Naturwissenschaft. Jetzt soll es nun sogar der Religion überlassen werden, die Anschauung von der Naturwelt zu offenbaren. Oder könnte es andererseits in irgend einem methodischen Sinne einen Weltbegriff der Geisteswelt geben, der sittlichen Welt, zu dessen Gestaltung und Bewährung nicht die volle Gewissenhaftigkeit der Naturerkenntnis die unbedingte Voraussetzung wäre? So weit ist man heutzutage in Deutschland innerlichst von Kant abgefallen, daß die Unterscheidung der theoretischen und der praktischen Vernunft, und die unumgängliche Voraussetzung der ersteren für die letztere aus dem Herzen und Gewissen der Philosophierenden entschwinden konnte. Sie denken sich etwa dabei eine zeitliche Abfolge der Bücher, wie ja der Begriff der Metaphysik nach der Bücherreihe des Aristoteles auf diese äußerliche Weise entstanden ist: nach der Physik die Metaphysik. Nur kehren sie lieber ihrerseits die Ordnung uni. Damit aber ist der tiefste Kultursinn des Protestantismus verleugnet; und all jenes Gerede von Kant, als Protestanten, ist in den Wind der Tagesmeinung zu deren Beifall gestreut. Die kulturgeschichtliche Bedeutung des Protestantismus besteht in der Ablösung der Religion von der Wissenschaft, der Wissenschaft von der Religion. Und der philosophische Ausdruck dieses Grundgedankens der Reformation, in welchem Kant mit Luther zusammenhängt, ist die Nachsetzung der Ethik nach der Logik, als die Logik der mathematischen Naturwissenschaft. Das ist keine Hintansetzung der Ethik; sondern dadurch 8