Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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112 Es zeigt sich also in jener Parole, welche auf Grund des Gottesbegriffes — denn ein anderer Inhalt kann doch nicht den Anlaß bilden — die Abhängigkeit der Ethik von der Religion behauptet, oder minder anstößig ausgedrückt, den innerlichen Zusammenhang beider hervorhebt, derselbe grundsätzliche und grundstürzende Irrtum, den wir bisher erwogen hatten: daß die Ethik als philosophische Ethik nicht zulänglich, und nicht eigenartig sei. Es ist und bleibt die Verkennung des methodischen Eigenwertes der Philosophie, in welcher diese Illusion von der Abhängigkeit oder auch nur von dem Zusammenhänge von Ethik und Religion beruht. Man kann daher bei dieser Parole von dem Verdacht einer instinktiven Feindschaft gegen die wissenschaftliche Erkenntnis überhaupt Abstand nehmen; es genügt die Einsichtslosigkeit gegenüber den methodischen Eigentümlichkeiten und den darin beruhenden Gerechtsamen der Philosophie zu erwägen. Wenn sonach nicht einmal im Begriffe Gottes die Ethik von der Religion abhängig sein darf, um wieviel iveniger dann in allen unzweifelhaft philosophischen Begriffen. ^Jn neuerer Zeit ist von einer populären Richtung innerhalb der philosophischen Literatur, welche mit allen den gefährlichen Zweideutigkeiten eines auf den Massengeist spekulierenden Journalismus behaftet ist, der kaum noch versteckte Vorstoß gegen die Selbständigkeit der Philosophie in der Parole gewagt worden, daß die Religion die Weltanschauung darzubieten habe. In unserem Zusammenhang ist eine sachlich eingehende Prüfung dieses -Stichwortes nicht erforderlich; die Frage liegt tief unter unserem Niveau. Wenn mit einem Worte die Aufgabe der Philosophie bezeichnet werden soll, so müßte es das Wort Weltanschauung sein. Welt bedeutet nach altem, insbesondere auch deutschen Sprachgebrauchs aus dem Zeitalter unserer Leibnizischen Aufklärung: die Dopp elwelt der Natur und des Geistes. Und die Anschauung dieser Doppelwelt vollzieht das System des philosophischen Idealismus. Es gibt keinen gröbern Frevel gegen die systematische