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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1907-01-01 · 10 (1907) · p. Seite 111

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
10 (1907)
Article
Religion und Sittlichkeit
Date
1907-01-01
Page
Seite 111 (sequence 14)
Language
German
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111 wenngleich aucf) die natürliche Vernunft im Altertum schon den Begriff Gottes sich zusprach, so behauptet doch die Religion, das Wesen Gottes nicht auf den Begriff beschränken zu können, welche die natürliche Religion von ihm darbietet, wie sehr die Religion andererseits es als einen Triumph anerkennt, daß selbst die natürliche Vernunft auf den Gottesbegriff geführt werde. Wie es nun aber in dem biblischen Worte heißt, daß die Wege Gottes nicht die Wege der Menschen sind, so dürfte es auch mit dem Gottesbegriffe bewandt sein, insofern er den Inhalt der Religion oder den der Sittlichkeit bildet; und es könnte sonach nicht nur äußerlich in diesem Begriffe der Unterschied zwischen Religion und Sittlichkeit bestimmbar scheinen. Die Innerlichkeit, als die Eigentlichkeit dieses Unterschiedes, werden wir später zu erwägen haben. Jetzt gilt es wieder, des Unterschiedes eingedenk 51t bleiben, und seiner immer mehr innezuwerden. Keine These ist so gefährlich, so verhängnisvoll für die Wahrhaftigkeit der sittlichen Kultur, wie die Parole, die heilte Lärm schlägt: daß es ohne Religion keine wahre Sittlichkeit gebe; daß der Gegensatz ein Wortstreit, ein Mißverständnis sei. Die wahre Religion suche und gewährleiste die wahre Sittlichkeit, und die wahre Sittlichkeit finde ihren natürlichen und notwendigen Abschluß und ihre eigene Lösung in der wahren Religion. Indessen schon in dem Abschluß liegt ein Versteck: also nur den Schluß, das Ende, nicht aber den Anfang soll die Ethik in der Religion zu suchen haben. Wie kann sie aber einen Schluß finden auf einem Gebiete, das nicht ihr eigenes ist, auf dem eingestandener Weise nicht ihr Anfang entstanden ist? Müssen nicht Schluß und Anfang danach ungleichartig sein? Muß nicht daher umgekehrt geschlossen werden: wenn es richtig sein sollte, daß die Ethik Gott zu suchen habe, muß sie ihn dann nicht selbst finden können, und nicht von der Religion zu empfangen haben, wenn anders die Religion ein methodisch anderes Gebiet ist als die philosophische Ethik?

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